Von der Erfüllung

Kennst du das, mit einem Gefühl der Leere aufzuwachen? Meine letzten Wochen und Monate zeigen ihre Spuren. Ich vermisse Freunde, Unternehmungen, unbeschwerten Spaß. Ich vermisse es, weniger zu planen und einfach zu machen und ich vermisse es, es als Belohnung zu erleben, daheim zu bleiben. Unsere Pläne sind so vorsichtig geworden. “Mal sehen”, “lieber mal abwarten” und unsere Wünsche wurden so vage. “Das wäre schön, aber wahrscheinlich geht es nicht.”

Ich verstehe die Leute, die sagen, sie wollen zur Normalität zurück. Das wieder haben, was ihnen eben jene Erfüllung gab, die gerade fehlt. Die Unbeschwertheit. Und ja, auch wenn diese Unbeschwertheit ein absolutes Privileg war und viele trotz der Abwesenheit derer immer noch absolut privilegiert leben, fehlt sie nunmal – und ich finde es okay, das zu betrauern. Aber melancholisch dreinblicken erfüllt mich auch nicht. Nur zu sehen, was ich mal hatte und was ich wieder haben will, lässt mich genauso leer. Was war also überhaupt diese “Normalität”?

Ich habe darüber nachgesinnt und mich erhaschte der Gedanke, dass unsere Normalität die „Ablenkung“ war.

Genug von allem, sogar zu viel. Das Herz konnte vermeintlich gar nicht leer werden, weil es immer was gab, womit ich es stopfen konnte. Meine Zeit ließ sich füllen, ob gesund oder ungesund. Freunde treffen, Parties feiern, Shoppen gehen, Restaurants besuchen, Konzerte, Reisen, endlose Liste. Man lebte förmlich für die Unternehmungen. Und das alles brach weg. Manche versuchen sich in diesen Zeiten weiter abzulenken; suchten Netflix oder erhalten jeden Tag ein neues Paket. Aber es ist eintönig. Schnell ausgeschöpft. Zu welchem Anlass soll ich die neuen Klamotten anziehen? Was nützt mir das teure Make-Up unter der Maske? Und so cool wie Zoom am Anfang alle fanden, hat es doch schnell zur puren Ermüdung geführt.

Was mache ich nun also, da ich bemerke, dass mich die Dinge mit denen ich mich einst füllte, nicht mehr erfüllen?

Es passiert beinahe automatisch, so wie wenn mein Herz darauf gepolt wäre: Ich komme zum Ursprung zurück. Stelle Fragen, die mich an den Anfang bringen. Hinterfrage Existenzielles. Ohne Ablenkung ist meine Seele unverhüllt. Ich wache auf, fühle mich leer und gebe mir nun zum ersten Mal seit langem die Möglichkeit zu fragen warum, ohne dabei den Zustand sofort wieder ohnmächtig ändern zu wollen, denn dazu fehlen mir die Mittel. Ich blicke zum Ursprung. Zum Macher. Zum Erfinder meiner Leidenschaften und Freuden. Zu dem, der die Leere in mir kennt, denn er hat mein Herz gemacht. Glaube ich, dass Er allein mich erfüllen kann?

Ein neuer Gedanke tut sich in mir auf: Gott zeigt mir neue Dinge. Das „Ablenken“ wird zum „Hinlenken“. Werte finden. Leidenschaften benennen. Wahre Sicherheit kennenlernen. Anerkennung finden. Liebe erleben.
Wenn ich daran glaube, dass Gott mich erschaffen hat, dann glaube ich auch daran, dass meine Leidenschaften kein Zufall sind und dass sie einen Wert haben. Ich bin ein Mensch voller Herzblut und Energie, Sehnsüchten und Wünschen und genauso soll und darf ich sein.

Doch die Frage ist – was trägt mich durch diese Zeit, wenn ebendiese Sehnsüchte nicht mehr gestillt werden können, wie ich es gewöhnt war? Werde ich ab jetzt jeden Morgen leer und melancholisch betrübt wach? Oder nutze ich die Chance der Stille, des wenigen Konsums und begebe mich zum Ursprung?


Sorgt euch nicht um euer Leben, was ihr essen und trinken werdet; auch nicht um euren Leib, was ihr anziehen werdet. Ist nicht das Leben mehr als die Nahrung und der Leib mehr als die Kleidung? Seht die Vögel unter dem Himmel an: Sie säen nicht, sie ernten nicht, sie sammeln nicht in die Scheunen; und euer himmlischer Vater ernährt sie doch. Seid ihr denn nicht viel kostbarer als sie? Matthäus 6,25-26

Ein Kommentar zu “Von der Erfüllung

  1. Ich sehe das mit der alten „Normalität“ genauso – nichts als Ablenkung. Leere füllen mit Dingen, die eigentlich keinen großen Wert haben, außer, dass sie für den Moment das Ego befriedigen. Aber das Ego ist nicht die Seele… nur die Seele wird zum Schöpfer zurückkehren. Deswegen sollten wir unsere Seele füttern und wie kann das man besser tun, als ohne Ablenkung das zu erkennen, was wesentlich für das Leben ist und sich in diesen Momenten verlieren.

    Die Zeit, die uns durch diese Krise geschenkt wurde (und ich sehe es lieber so, als mich darüber zu ärgern) kann genutzt werden, um aus den Fehlern der Vergangenheit zu lernen, sich Neues, Besseres für die Zukunft zu überlegen und das wenn möglich nicht nur für sich selbst, sondern auch für die Menschen um einen herum.

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