Neuanfang im Herbst

Die Sonne wird schwächer, die Farben der Natur ändern sich. Blätter auf dem Boden knistern, die Luft duftet anders. Es wird Herbst. Der lange, schwüle Sommer, der für uns in seiner Besonderheit immer in Erinnerung bleiben wird, verabschiedet sich. Und irgendwie hatte man leise die Hoffnung, nicht nur der Sommer würde sich verabschieden.

Sondern auch die Umstände. Die Sorgen und Ängste. Die Unsicherheiten. Wenn die nur auch wie von Bäumen herabfielen und vertrockneten. Wenn sich nur auch die Luft der Umstände änderte und Reinheit zu vernehmen wäre. Aber irgendwie ändert sich nur in der Natur vieles und in mir bleibt vieles gleich.

Ich bin ein Zwischendenjahreszeitenkind. Geboren bin ich zwar im eiskalten und verschneiten Winter, aber aufatmen kann meine Seele am Besten im Neuanfang. Der Herbst spielt da eine tragende Rolle. Möglicherweise liegt das daran, dass es in der Kindheit so prägend war, dass nach den Sommerferien immer etwas Neues begann: Ein neues Schuljahr, vielleicht sogar eine neue Schule, auf jeden Fall neue Schulfächer, ein neuer Rhythmus. Jahrelang hieß der Abschied vom Sommer, dass sich auch in meinem Leben etwas ändern wird und ich mich bereit machen muss. Und so zieht sich das durch: Im Studium, in der eigenen Familie. Neuanfang im Herbst. Und wie sehr würde ich mir wünschen, es würde dieses Jahr genauso sein. Aber ich stagniere. An meinen Umständen lässt sich kaum etwas rütteln, ich muss abwarten und die Farben, die sich vor meinem Fenster ändern, machen es mir nicht leicht. Ich will mitziehen! Meine Farben ändern! Neue, frische Luft in mein Leben lassen, aber ich bin machtlos. Und fast ein wenig neidisch auf den Herbst.

Die kommende Jahreszeit ist ein Übergang von der Fülle zur Kahlheit. Von Baumkleidern zu nacktem Geäst und von Blumenwiesen zu platter Fläche. Und trotzdem erfreuen wir uns an dieser Saison und an dem Umbruch, obwohl er doch der Wegweiser zu Kälte und Farblosigkeit ist.
Wir tun das, weil wir Wandel brauchen. Und ist es nicht die Jahreszeit, dann ist es die Dekoration im Haus oder die Frisur auf dem Kopf. So sind wir gemacht. Der Mensch reist von Ideen zu Fertigstellungen und von Träumen zu den Zielen. Von der Hoffnung zur Erfüllung und… vom Sommer zum Winter. Über den Herbst.

Vielleicht ist der Herbst gar nicht die Station, die ich mir für mein Leben wünsche. Vielleicht ist diese Jahreszeit die Reise, auf der ich mich befinde. Nicht die Endstation des Wandels, sondern der Wandel selbst. Und während ich das schreibe, bin ich dankbar für den Herbst. Der mich, anders als meine Umstände, visuell daran erinnert, dass sich etwas bewegt.

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