Nimm und gib Vergebung

Aus persönlichen Gründen beschäftige ich mich seit geraumer Zeit mit dem Thema „Vergebung“. Zumindest mit der Frage, wie Vergebung geht und warum wir sie brauchen. Ich kämpfe seit einigen Jahren mit einem Kontaktabbruch und stolpere immer wieder über die Frage des Vergebens und der Versöhnung bezüglich eigener und der Fehler der anderen.
Ich kam zu dem Entschluss, dass es deswegen wichtig ist zu vergeben, weil Beziehung dadurch erst gelebt werden kann. Tatsächlich alle Arten von Beziehungen: Meine Beziehung zu mir selbst, zu Mitmenschen und zu Gott.

Vergebung ist auch deswegen essentiell, weil wir Menschen Fehler machen. Selbst wenn ich versuche einen Tag lang ganz aufmerksam durch den Alltag zu gehen und auf Biegen und Brechen Fehler vermeiden möchte, komme ich nicht drumrum. Ich ertappe mich bei einem schlechten Gedanken über jemanden, lasse mich von Emotionen übermannen und reagiere patzig oder komme schlichtweg in eine Situation in der ich nicht weiß, was richtig und falsch ist und muss pokern. Wie angestrengt ich auch fehlerlos sein möchte: Ich schaffe es nicht. Ich verletze und werde verletzt.
Würde es den Akt der Vergebung nicht geben, wären wir umringt von Gräben. Innerliche Gräben zu uns selbst und deutlichen Entfremdungen gegenüber anderen. Hätten wir nicht die Fähigkeit bekommen, Dinge hinter uns zu lassen und nach vorne zu schauen, wäre Beziehung leben schlichtweg unmöglich.

Zur Vergebung braucht es nur die eine Partei, zur Versöhnung jedoch beide.

Warum ist Vergebung also nochmal wichtig? Es befreit unser Herz und öffnet die Pforte zur Versöhnung. Vergebung löst mich von Schuld. Vergebung lässt fünf grade sein und gibt eine neue Chance. Vergebung erkennt das fehlerhafte Menschsein an, welches uns alle vereint. Leider bedeutet Vergebung nicht gleich Versöhnung, denn mit einer „Vergebung“ „gebe“ ich etwas, was mein Gegenüber mir nicht gleich tun muss. Hinter dem Begriff der „Versöhnung“ steckt dann der nächste Schritt, die Wiedergutmachung. Das Händeschütteln. Das gemeinsame Geradeausgehen.

Warum ist vergeben oft so schwer?

Als ich begann mich mit der Thematik zu beschäftigen, bemerkte ich, dass ich teilweise auf einem ganz schön hohen Ross saß, dass mir die Vergebung sehr schwer gemacht hat. Es war wie wenn die Vergebung auf dem Boden lag und ich mich bücken konnte wie ich wollte: Ohne von dem Ross zu steigen, kam ich an die Vergebung nicht ran.
Ich liebe die Harmonie, weswegen ich meist gut vergeben kann. Ich liebe aber auch die Gerechtigkeit und komme damit oft in einen Konflikt. Der Mensch hält gerne an seinem Recht fest, was grundsätzlich nichts Schlechtes ist. Aber wir kommen im Leben in Situationen, wo uns genau das abhält, Frieden zu schließen: Das krampfhafte Festhalten am eigenen Recht. Sobald zwei Parteien nicht bereit sind, wenigstens ein Stück von ihrer Rechtfertigung loszulassen, wird das nichts – mit der Versöhnung. Ich muss also loslassen, im Idealfall ohne dabei meine Position zu verlassen. Denn ich darf durchaus Wahrheit und Würde behalten, während ich versuche auf den anderen zuzugehen. Das ist ein Balanceakt… und möglicherweise glückt er nicht immer. Doch ich darf getrost von meinem Ross steigen, den Stolz mich nicht übermannen lassen, einsehen und Empathie zeigen.

Sei mutig

Ich will dich und mich ermutigen, mutig zu sein. Sich selbst zu vergeben, Vergebung einzusehen oder das Gegenüber um Vergebung zu bitten ist oft nicht leicht, aber es befreit. Selbst wenn eine Entschuldigung nicht angenommen werden sollte ist es in erster Linie wichtig, mit deinem eigenen Herzen im Reinen zu sein, denn nur für das trägst du die Verantwortung. Sei dir also selbst genauso gnädig, denn Vergebung hängt nicht nur mit deinem Nächsten zusammen, sondern beginnt mit dir.

Mein Herz,
bleibe weich und lass dich nicht schrecken
Mein Herz 
bleibe weich und sei voller Mut 
Mein Herz 
bleibe weich und nicht voreingenommen
Mein Herz 
vergiss nie
Vergebung tut gut. 

Milli, 2020

Wie Vergebung geht

Ich bin kein Psychologe und auch kein Profi im Konflikte lösen. Aber auch wenn Auseinandersetzungen völlig unterschiedlich aussehen, klein oder groß erscheinen, unterschiedlich aufgebaut sind und andere Hintergründe haben, beginnt meines Erachtens nach jede Vergebung mit der Einsicht des fehlerhaften Daseins. Ich bin ein Mensch, ich mache Fehler. Damit einhergehend darf ich Gnade und Liebe für mich selbst empfinden – aber auch für den anderen.
Ich glaube außerdem, dass es Ehrlichkeit bedarf, denn auf unehrlichen Steinen lässt sich keine stabile Mauer bauen. Wenn ich nicht ehrlich um Vergebung bitten oder selbst vergeben kann, will ich den Schritt noch einmal weise überdenken und nach Ursachen suchen.
Meiner Erfahrung nach sollte ich bei keinem Versuch, um Vergebung zu bitten, große Erwartung haben oder sollte vielleicht sogar mit Enttäuschung rechnen, denn wie oben erwähnt bin ich nicht für das Herz des anderen verantwortlich. Und dann der Mut. Tief durchatmen. Wieviel ist dir die Beziehung wert, dass du sie wiederbeleben möchtest? Vielleicht gibt dir das Motivation, den Schritt zu wagen und einzugestehen oder stehen zu lassen, vielleicht auch jemanden darauf aufmerksam zu machen, dass dir eine Entschuldigung von ihm wichtig wäre.

Was mir in unserer Gesellschaft immer wieder auffällt, ist das „nachtragend sein.“ Irgendwie schon vergeben zu haben, aber die ganze Sache dann doch nicht hinter sich zu lassen. Zu sagen „Schwamm drüber“ und es nach Jahren wieder auskramen. Ich verrate dir etwas: Mit dem Nachtragen schadest du dir selbst, denn du trägst den Ballast. Dein Herz wird dabei schwer. Stell ruhig den Koffer ab und höre auf, jemandem etwas hinterher zu tragen.

Meine Überzeugung

Ich bin in allem der Überzeugung, dass tiefe Vergebung nur durch Jesus möglich ist, denn in ihm lebt die Fähigkeit des Vergebens. Jesus hat uns das Wesen Gottes vorgelebt und damit die bedingungslose Vergebung, denn selbst als er in den letzten Minuten seines Lebens noch angespuckt und gepeinigt wurde, sprach er mit die Worte „Vater, vergib ihnen, denn sie wissen nicht was sie tun“ (Lk 23,34). Ich kann nur tief und ehrlich vergeben, weil Gott mir durch Jesus vergeben hat. Durch die Annahme dessen bin ich mit ihm im Frieden (Römer 5,1), also versöhnt. Habe ich die Vergebung nicht angenommen, kämpfe ich bis zum bitteren Ende um mein Recht.
Das ist ein unfassbares Geschenk, über das ich jedes Mal nur staunen kann und oft fällt es mir tatsächlich nicht leicht, es anzunehmen. Das Konzept der Vergebung übersteigt oft meinen Verstand und es ist mir meist peinlich, dass ich jeden Tag darum bitten muss. Ja, oft ärgere ich mich über mein Mensch-Sein und würde Gott gerne entgegenkommen, indem ich das Fehler machen mal sein lassen würde. Aber ich kriege es nicht hin. Und auch hier darf ich gnädig mit mir sein und mich an die Vergebung immer wieder erinnern.
Dir ist vergeben. Du darfst vergeben. Höre in dich hinein, wo du vergeben musst oder Vergebung brauchst. Und strebe nach dem leichten Herz.

Vergeben und vergessen

3 Kommentare zu „Nimm und gib Vergebung

  1. Als religiöser Mensch (Islam) kann ich bestätigen, dass Vergebung eines der größten und vorzüglichsten Eigenschaften ist, die ein Mensch entgegen seines Egos hervorbringen und somit seine Seele und die des Anderen in einen besseren Zustand bringen kann. Der Allvergebende vergibt uns so manch große Sünde, wenn wir um Vergebung bitten. Als was halten wir uns als Menschen, nicht vergeben zu wollen. Wir erwarten Vergebung von unserem Schöpfer, so liegt es an uns, diese göttliche Eigenschaft selbst anzuwenden.

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