Leise ist nicht stumm

Ein weltbegewendes Thema nach dem anderen. Corona immer noch brandaktuell, aber nicht mehr auf den Titelseiten unserer Zeitungen. Diese zieren jetzt erschreckende Bilder aus dem Land der unbegrenzten Möglichkeiten, Menschen mit Transparenten und Masken im Gesicht – bedingt durch Corona. Und ich komme nicht hinterher – beschäftige mich noch mit den Regeln der Bundesregierung, um mich und anderen keiner Gefahr auszusetzen, während andere auf die Gefahr pfeifen, weil es nun mit der Sozialen Ungerechtigkeit eine weit Schlimmere Gefahr gäbe.

Ich bemerke, wie sich meine Hochsensibilität von ihrer schnell überforderten Seite zeigt. Ganz eindeutig bemerke ich auch das langsame Verarbeiten und den Schritt, den mir andere mal wieder voraus sind. Das alles vermischt sich mit meinem ehrlichen Interesse an Problemen, die die Welt in Aufruhr bringen und meinem Harmoniebedürfnis. „Da muss man doch was machen können.“ grübele ich vor mich hin, während ich durch den Bildschirm volle Straßen und wütende Twitter Einträge sehe. Was ist in all dem meine Aufgabe?

Silence = Betrayal

Das ist es, was oft gerufen oder gedacht wird – zumindest sehe ich es auf vielen Plakaten geschrieben. Instagram zwingt mich beinahe schon dazu, ein schwarzes Quadrat zu posten, um dem Rassissmus entgegen zu wirken und zu gedenken. Das geht mir alles zu schnell. Was da vorgeht ist furchtbar, absolut nicht vertretbar, aber ist es deswegen meine Aufgabe in für mich viel zu hastigen Aktionismus zu verfallen? Ich bemerke, dass mein Platz nicht in der großen Menge ist, inmitten von Demonstranten mit den unterschiedlichsten Meinungen. Mein Platz ist nicht die Welt der oft zu eifrig gewählten Hashtags und inmitten der hitzigen, oft unüberlegten Diskussionen.
„Wenn du dich schon immer gefragt hast, was du während des Holocaust gemacht hättest – du tust es jetzt.“, schrieb eine Demonstrantin einer Black Lives Matter Demo auf ihr Transparent und ich fühle mich im selben Moment von einem schlechten Gewissen erhascht. Sofort verbinde ich „auf die Straße gehen“, „laut sein“, „wütend sein“ als den einzig vertretbaren Weg, mit dem aktuellen Zeitgeschehen umzugehen. Alles andere, womöglich sogar „leise sein“ sei schlichtweg falsch. Tatsächlich ist das die Meinung von vielen. Sich nicht öffentlich zu Wort zu melden würde Gleichgültigkeit bedeuten. Tut es das?


Vorallem wenn ich Menschen und ihre Sensibilität betrachte, erkenne ich so viele Unterschiede. Ich finde es faszinierend und schön, wie unterschiedlich Menschen mit Freude, Aufregung oder auch Leid umgehen. Der eine zieht sich zurück und heilt im Alleinsein. Der andere muss unbedingt teilen. Wieder ein anderer ruht in sich, erzählt zwar gern, muss aber nicht. Genauso verarbeitet der eine schneller, der andere hängt in der Schnelllebigkeit der Gesellschaft Tage hinterher.
Ich sehe all diese Persönlichkeiten nicht zusammen in einer Demonstration. Dicht gedrängt in einer Traube Menschen. Aber das ist für mich nichts Schlechtes. Denn ich sehe sie jeweils in der Position, die Gott ihnen durch ihre Persönlichkeit gab.

Ich glaube, es muss Leute geben, die laut sein können. Die auf Missstände deutlich aufmerksam machen und in Aktion etwas verändern wollen. Die sich in der Öffentlichkeit präsentieren und sichtbar sind. Gleichzeitig glaube ich, muss es Leute geben, die das alles nicht tun. Die ruhig bleiben. Möglicherweise sogar „einfach nur“ zuhause sind. Die nicht wutentbrannt auf die Straßen gehen, sondern bedacht bleiben. Nach Lösungen suchen, um wieder Harmonie erleben zu können. Die beten. Nicht nach Gefühlen handeln. Die leise sind und dort mehr bewirken können, als in der Lautstärke.

Leise sein kommt nicht dem stumm sein gleich und bedeutet nicht Gleichgültigkeit. Ich erinnere mich an den Film „Die Frau in Gold“, als ein jüdisches Ehepaar auf der Flucht durch einen Hinterhof den Weg nicht mehr wusste. Da hing eine Frau ihre Wäsche auf, sah die beiden und nickte mit ihrem Kopf in die Richtung, die sie nach draußen führte. „Da geht’s lang“, flüsterte sie. Ganz leise. In die Freiheit.

Dabei ist es nie auszuschließen, dass es an der Zeit sein könnte, aus seiner Komfortzone auszutreten. Das ziehe ich jedes Mal in Erwägung. Ich möchte nicht in Bequemlichkeit verfallen oder Angst vor Situationen haben und dadurch gelähmt sein. Genauso wenig möchte ich mich aber verbiegen, blind mitgehen und damit meinen Charakter betrügen. Und genau in diesem Zwiespalt finde ich mich in der letzten Zeit so häufig, dass ich nicht mehr tun kann, als den um Rat zu fragen, der sich meinen Charakter ausgedacht hat:


„Gott, wo willst du mich haben? Das ist mir alles zu laut. Wo kann ich mit der Persönlichkeit, die du mir gegeben hast etwas verändern?“


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