Veränderungen

Der Himmel verfärbt sich an diesem Abend rosa, nachdem er sich den ganzen Tag über nicht gezeigt hatte. Ich habe mir ein Glas Rotwein eingeschenkt und fühle mich dabei immer so erwachsen. Eigentlich wollte ich meinen Laptop heute nicht mehr aufklappen, aber mich packt die Muse.

Am Wochenende war Muttertag und ich bin mir sicher viele von euch haben die Gunst der Stunde genutzt und fuhren nach wochenlanger Kontaktsperre zu den Verwandten, um endlich wieder beisammen sein zu können. Auch bei uns hatten sich die Familien jeweils nach langer Zeit der Distanz wieder zusammengefunden – und ich war überfordert.

Ich glaube, ich muss hier kein „versteh‘ mich nicht falsch“ anhängen, denn natürlich habe ich es genossen und geliebt, meine Familie um mich zu haben. Auch wenn der körperliche Kontakt fehlte, war die Nähe die wir zueinander haben spürbar – Familie eben. Aber ich bemerkte, dass ich schnell müde wurde. Innerlich angespannt und aufgeregt war, ja nichts falsch machen wollte und mich danach auf meine kleine Höhle freute, die ich mir in den letzten Wochen so gemütlich eingerichtet hatte.
Isolation. Verspricht Sicherheit. Das ist die Aussage, die uns seit einigen Monaten eingebläut wird und ich bemerke, wie sie mich einnimmt. Ich fühle mich alleine sicherer und überlege gut, mit dem ich Kontakt pflegen möchte. Andere Menschen, vor allem fremde Menschen, stressen mich und ich möchte nach einem Einkauf oder einem Spaziergang schnell wieder nach Hause. Seltsamerweise ertappe ich mich dabei, wie ich Augenkontakt meide – wahrscheinlich, um die unangenehme Situation der Distanz und das unsichere Verhalten nicht noch zu verstärken. Tückisch, bleiben uns doch durch die Masken nur noch die Augen, um mimisch zu kommunizieren.
Das kleine Familientreffen am Muttertag hat mir die Augen geöffnet. Es hat mir aufgewiesen, wie angespannt ich wirklich bin und wie ich Angst gegenüber dem entwickle, was ich brauche: Menschlichen Kontakt.

Es fiel mir nicht besonders schwer, mich vor einiger Zeit selbst zu isolieren und ich glaube, viele hochsensible oder introvertierte Personen nicken mir hier zustimmend zu. Doch langsam gilt es, sich wieder zu integrieren und das fällt mir überraschenderweise eher schwer. Sowieso hat mir diese Weltkrise einige Facetten meines Charakters gezeigt, die mir neu waren oder über die ich mir erneut Gedanken machen möchte. Für die geringe Zeitspanne war das dann aber vielleicht doch ein bisschen zu viel und ich war doch gerade so schön dabei, alles zu verarbeiten – da werden die Grenzen wieder geöffnet und die Menschen demonstrieren gegen den Lockdown. Ich muss mich jetzt wieder aus meinem natürlichen Rhythmus rauswinden und bemerke mal wieder, das es mir wohl kaum entgehen wird, nicht in diese Welt zu passen*.

Ich schreibe dir diesen Eintrag vor allem, um dich darauf aufmerksam zu machen, dass die Welt wieder beginnt, sich schneller zu drehen. Unsere kurze Atempause neigt sich dem Ende und einige sprinten schon wieder an uns vorbei. Aber ich will nicht „plötzlich“ wieder mittendrin, sondern den schnellen Veränderungen einen Schritt voraus sein. Also gilt es, aufmerksam zu bleiben und das können wir Hochsensible ganz schön gut! Ich habe auch mal beobachtet und möchte dir 6 Tipps mit auf den Weg geben, die dir in Zeiten der Veränderung eine Hilfeleistung sein sollen:

Vortasten Nicht gleich drei Stunden lang ins Gewimmel stürzen, sondern vielleicht erstmal eine halbe Stunde, dann eine… gewöhne dich an die wieder neuen Umstände in deinem Tempo.

Kein Mitläufer Wenn es ans Umgewöhnen geht sind andere oft schneller, aber das heißt nicht, dass das besser ist. Es ist nur anders! Ich darf ruhig „Nein“ sagen, wenn andere die Abenteuerlust packt (das zieht sich von Eis essen gehen bis Freunde in einer anderen Stadt besuchen) und mich noch nicht. Zieh‘ dich auch ruhig zurück, wenn die Gruppen zuhause zu groß oder laut werden!

Üben Wir haben durch die Maskenpflicht nur noch die Augen zum kommunizieren – wie geht das eigentlich? Stelle dich doch mal vor deinen Spiegel, setze dir eine Maske auf und entdecke, wieviel deine Augen aussagen können. Wie willst du wirken, wenn du Freude ausstrahlen willst? Stirnrunzeln ohne komplettes Gesicht wirkt gleich viel intensiver.

Worte haben Macht Ohne komplette Mimik fallen Worte und Tonlage mehr ins Gewicht. Achte auf deine Worte und Stimmlage, wenn du freundlich sein möchtest. Monotone Aussagen zum Beispiel können irritierend wirken, weil sie nicht so leicht eingeordnet werden können.

Verarbeite Auch wenn sich die äußerlichen Eindrücke in Grenzen halten, habe ich in der letzten Zeit so viel über mich und andere gelernt und beobachtet, dass ich am Abend oft nicht weiß wohin mit den ganzen inneren Eindrücken. Deshalb ist es nun umso wichtiger, zu verarbeiten. Rede, schreibe auf, formuliere Gedichte, bete… Ich glaube, es ist wichtig im Zuge der Veränderungen genug Platz für sie zu schaffen.

Menschenkontakt Wir Hochsensiblen ziehen uns gerne zurück, denn darin fanden wir auch schon vor Corona Sicherheit. Doch dann war Rückzug für alle wichtig. Das dröselt sich nun aber wieder auf – gesellschaftlich gesehen auch für eine hochsensible Person. Es ist wichtig, dass wir uns gemeinsam wieder auf Menschenkontakt einlassen und in allem den persönlichen Rückzug wahren. Ein wahrer Drahtseilakt!

Mittlerweile hat sich der Himmel von rosa, dunkelrot ins dunkelblau verfärbt und mein Weinglas ist leer. Einmal mehr bin ich dankbar für meine Hochsensibilität und freudig darüber, sie mit dir teilen zu dürfen, um gemeinsam den Drahtseilakt zu meistern.

Wenn du die Tipps hilfreich findest oder aus Erfahrung etwas zu ergänzen hast, freue ich mich sehr über einen Kommentar!

*Elaine Aron, Das Hochsensible Kind

2 Kommentare zu „Veränderungen

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