Ich hasse joggen

Ich musste kreativ werden, sonst würde mein Popo vom vielen vor-dem-Computer sitzen noch ganz platt, meine Augen würden viereckig und die Hüften gingen auf wie ein Hefeteig: Bewegung muss her. Normalerweise bewege ich mich entweder gern im Schritttempo durch Wald und Flur oder auf Hallenfußboden mit Ball. Aber joggen? Igitt. Die ganze Zeit einen Fuß vor den anderen und wieder zurück. Die Arme müssen irgendwie mitschwingen, obwohl ich sie manchmal einfach gerne hängen lassen würde – dann sähe ich aber aus wie eins der aufblasbaren Männchen, die vor Autohäusern stehen. Wieder einen Fuß vor den anderen. Wenn ich’s mir so recht überlege: Joggen gleicht gerade meinem Alltag und das mag ich nicht so sehr.

Am Anfang war alles nicht sonderlich anders für mich. Der Corona-Alltag kam zu Beginn meiner natürlichen Art und Weise zu leben sehr nah: Eher weniger soziale Kontakte, viel me-time und viel von zuhause aus. Da mag ich’s, da ist es ruhig, ich kann aber auch mal aufdrehen. Da habe ich meine Lieblingsmenschen, Arbeit und Freizeit all inclusive. Aber selbst mein liebstes eher zurückgezogenes Wesen möchte mal ausbrechen. Fremde Menschen sehen, neue Düfte riechen und Lautstärke wahrnehmen. Herausgefordert sein, wieder heimkommen, neues ausprobieren. Obwohl mir das alles ruckartig genommen wurde, habe ich zunächst nicht bemerkt, dass es mir fehlt. Und es überrascht mich, dass es das tut.

Als hochsensible Person, die zum High Sensation Seeker tendiert, drücke ich mir oft selbst den Stempel auf, höchst kompliziert zu sein. Anstrengend. Nicht so ganz durchschaubar und anders. Eigentlich bin ich gern allein. Eigentlich aber auch nicht. Normalerweise ziehe ich mich zurück. Aber nicht immer. Als die Selbst-Isolation begann und alle ihren Alltag umkrempeln mussten, fiel ich mal wieder aus der Reihe, denn mir kam das alles sehr entgegen. Aber jetzt, nachdem Zeit ins Land ging, falle ich aus meiner eigenen Reihe, denn ich entdecke ganz banale, natürliche und selbstverständliche Züge an mir: Ich will Mensch sein. Und der Mensch will entdecken. Nutzen, was ihm gegeben wurde, Sinne einsetzen. Und vor allen Dingen: Nicht allein sein.

Unser globaler Zustand bricht gerade alle Charakterzüge auf das nötigste herunter und wir haben plötzlich nur noch ganz „banale“ Wünsche. Sie erscheinen klein, im Gegensatz zu den Möglichkeiten, die wir noch vor kurzem hatten. Es muss gar nicht mehr Australien sein, der nächste Ort würde als Abwechslung reichen. 4-Sterne Hotel ist nicht wichtig, aber ich hätte gerne mal wieder einen Eisbecher. Rausgehen ohne Angst, krank zu werden, das wäre schon genug.
Möglicherweise erlebe ich einige Wünsche als hochsensible Person in einer anderen Intensität, so dass mir die Tränen komme, wenn ich darüber nachdenke. Trotzdem kann ich mich in all diese Gefühle einreihen, denn ich bin Mensch.

Ich hasse also joggen. Aber es ist momentan etwas, das meinem Körper gut tut, deswegen laufe ich alle zwei Tage in einer missmutigen Stimmung die Berge rauf und runter. Auch wenn der Mensch ein Gewohnheitstier ist und außergewöhnliche Situationen zur Normalität werden können, finde ich es legitim manche Dinge einfach blöd zu finden. Andere Sachen einfach zu vermissen, sie nicht immer schönzureden. Und trotzdem hilft es alles nichts. Joggen (hier metaphorisch gemeint) muss sein. So wie der Mensch ein Gewohnheitstier ist, hat er auch die Fähigkeit sich selbst am Schopfe zu ziehen. Und gerade die momentane Situation verlangt mir das sehr oft ab. Trotzdem darf ich gnädig mit mir sein: Langsam das laufen beginnen. Es auch mal skippen und Niederlagen hinnehmen. Auf den Körper hören. Eigenes Tempo.

Heute war ich also wieder laufen. Die ersten zwei Berge hab ich bis zum Waldeingang geschafft, wo das Vogelgezwitscher aber so schön war, dass mir mein lauter Atem das mürbe gemacht hätte. Also bin ich lieber ein Stück gegangen und habe gelauscht. Dann fand ich mich auf einer derartig grünen Wiese wieder, dass ich mich kurzerhand hinlegte und die Sonne auf mich schienen ließ. Das hat mich glücklich gemacht, denn es hat mir gezeigt, wie individuell wir sind. Was für Überlebenskünstler wir sein können.

Was für ein Überlebenskünstler du sein kannst.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s