Processing

Kurz bevor ich einschlafe, kreisen mir oft unzählige Gedanken durch den Kopf. Über den Tag, über das Morgen – oder über ein Geschehen, das eigentlich schon lange her ist.
Am Tag meiner standesamtlichen Trauung erhielt ich die Nachricht, dass unsere geliebte Katze, die wir stolze 20 Jahre lang lieben durften, eingeschläfert werden musste. Ich erinnere mich, wie sich ein Fest voller Freude und Dankbarkeit mit traurigen Emotionen mischte. Ich nahm die Nachricht voll bewusst auf, hatte eine gewisse Zeit der Trauer, doch vor einigen Nächten bemerkte ich, dass ich es noch nicht verarbeitet hatte. Dass mich diese Nachricht erreichte, ist mittlerweile ein halbes Jahr her.

Schuljahresanfänge fand ich früher besonders überfordernd. Viele aufregende Ereignisse prallten aufeinander: Das Wiedersehen von Freunden, die man über den Sommer nicht sah, ein neues Klassenzimmer, vielleicht neue Mitschüler, neue Lehrer und vor allem der ungewisse Stundenplan. Wie voll wird er sein? Wieviel werde ich zu tun haben? Bleibt mir Zeit für erholsame Dinge? Ich erinnere mich, wie ich mit jeder neuen Info unruhiger wurde und es kaum erwarten konnte, daheim zu sein, um den Stress und die Angst auszuweinen.

Es dauerte eine ganze Weile, bis ich verstand, dass mich viele wichtige Informationen auf einmal stressen und ich Dinge nicht gleichzeitig abhake, sondern vielmehr in eine Reihe hintereinander stelle. Alles wartet auf seinen Moment, verarbeitet zu werden.
Ich musste lernen, dass es deswegen oft hilfreich ist, eine Sache rational zu betrachten und Emotionen beiseite zu stellen, um Überforderung zu vermeiden. Es ist für mich enorm wichtig, mir nach Erlebnissen mit viel Inhalt eine Ruhepause zu nehmen. Täte ich das nicht, würde es viel häufiger passieren, dass ich mir plötzlich nach einem Jahr den Kopf zerbreche, weil ich etwas nicht verarbeitet oder zeitnah als unwichtig abtun konnte.

Das Englische Wort „processing“ beschreibt das Verarbeiten sehr gut: Es ist ein Prozess

Erst diese Woche fand ich mich in einem Neuanfang wieder: Das letzte Semester meines Masterstudiums brach an. Schon nach zwei Tagen und vier neuen Kursen bin ich völlig k.o. und suche Rückzug. Ich habe gelernt, dass ich das auch tun sollte, um Vorfreude die Möglichkeit zu geben, sich über alles zu entwickeln.
Früher waren diese Tage wie eine Wand gegen die ich lief, mittlerweile ist es eine Wand, die ich mich entscheide zu überwinden. Das eine geht schnell, das Klettern dauert seine Weile. Das Englische Wort „processing“ beschreibt das Verarbeiten sehr gut: Es ist ein Prozess. Um ein gutes Ergebnis zu erzielen, sollte ich diesen Prozess wahrnehmen.

Hochsensible nehmen Informationen oft mit einem vorausschauenden Blick auf. Es bleibt nicht bei einer bloßen Aussage, sondern sie verknüpfen es mit wesentlich mehr als andere. Außerdem werden damit einhergehend oftmals Emotionen verbunden, die das Verarbeiten noch schwieriger machen. Schaffe ich das? Ich habe nur drei Monate für das Projekt. Hoffentlich werde ich mich mit dem Dozenten noch besser verstehen.

Ich glaube, es ist wichtig, sich im Klaren über diesen Prozess zu sein und sich einen eigenen Weg zu schaffen, damit umzugehen. Für diese Art des Verarbeitens ist keine Rechtfertigung oder eine Erklärung notwendig. Nur das eigene Wissen darüber.
Normalsensible Personen können eine Hochsensible Person oftmals nicht da abholen, wo sie sich emotional gerade befindet, weil es für sie schlichtweg nicht nachvollziehbar ist. Also muss ich diesbezüglich in mir selbst ruhen, von keinem eine Reaktion erwarten, den Mund öfter mal zulassen und dafür das Herz sprechen lassen.

Ich für meinen Teil sehe dem Semester zuversichtlich entgegen, denn ich habe mein Bestes gegeben, es entspannt und nicht sofort wertend zu beginnen. Nun hoffe ich demnächst auf einen Moment, in dem ich mich bewusst von meiner Katze verabschieden kann.

3 Kommentare zu „Processing

  1. Wow, 20 Jahre ist sehr alt für eine Katze und sie hat wahrscheinlich mehr als dein halbes Leben, mit dir verbracht?
    Wie gut das du eine „Familie geheiratet“ hast deren Katze gerade erst 13 Jahre alt wird….vielleicht wird sie ja auch mal so alt?
    Sie freut sich schon von dir gekrault zu werden! Liebe Grüße deine Schwiegermama

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  2. Hallo Milli, ich danke dir, dass du diesen Text verfasst hast und wie du damit umgehst. Das hat mir in der jetzigen, sehr ähnlichen Situation, sehr weitergeholfen und mich darin bestärkt auch auf meine Ruhe zu achten. Ich mag deinen Blog und stöbere gerne umher. Beste Grüße

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    1. Hallo! Vielen, lieben Dank für deinen Kommentar. Es freut mich sehr, dass dir meine Worte und Erfahrungen weiterhelfen! Viele Grüße! 🙂 Milli

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