Das Reh auf der Lichtung

Es ist mal wieder viel los und ich stehe wie erfroren mitten in Allem.
Kennst du diese Filmszenen, wenn eine Person dargestellt wird, die im Schock ist und realisieren muss? Die Kamera fokussiert auf diesen Charakter, welcher einfach nur dasteht, dann wird der Ton leiser, und die Geschwindigkeit scheint sich auch zu reduzieren. Um diese Person wuselt alles herum, Menschen laufen an ihr vorbei, rempeln sie vielleicht sogar an, doch sie bleibt stehen und schaut.

Das bin ich, wenn auf einmal viel von mir verlangt wird: Ich werde lahm gelegt. Ich finde mich als Hochsensible Person in einem gesellschaftlichen System wieder, das stark von Normalsensiblen geschaffen und in den meisten Fällen auch geleitet wird. Warum das so ist? Na, weil Hochsensible selten die Persönlichkeitstypen sind, die Karriere ansteuern und sich an Positionen erfreuen, die auf kurzfristige Gewinne oder Aufsehen erregende Resultate setzen.* Außerdem benötigen HSP in der Regel ein ruhiges Arbeitsumfeld und übersichtliche Arbeitspläne, ihnen ist Zuverlässigkeit wichtig und sie brauchen Stabilität, aufgrund der meist fehlenden Fähigkeit, sich schnell anpassen zu können. Davon ist im Beruf oft Fehlanzeige – selbst im Studium, das noch weit entfernt von einem Arbeitsalltag ist, finde ich davon wenig.
Mich persönlich macht das wütend, denn durch diese vielen, schnellen Strukturen haben die meisten Menschen gar nicht die Möglichkeit, sich mit sich selbst und ihren Bedürfnissen auseinander zu setzen, bis sie zu dem Punkt kommen, an dem sie vom Körper als Resultat in die Knie gezwungen werden.
Eine befreundeten Psychologin erzählte mir kürzlich, dass der häufigste Grund ihrer Sitzungen Stress ist. Die Menschen haben verlernt, sich und ihre Gefühle wahrzunehmen und können sich dadurch keine Grenzen mehr setzen. Das Ergebnis dessen: Stress, in allen möglichen Formen.

Die vielen Projekte und Aufgaben die ich in meinem finalen Mastersemester zu erledigen habe, weisen mir einmal mehr auf: Man weiß nicht um meinen Arbeitsrhythmus ist und es scheint auch völlig gleichgültig zu sein. Das individuelle Wesen wird nicht erkannt und das kann fatale Folgen haben.
Ich weiß nicht, wo ich anfangen soll. Was wichtiger ist, als das andere. Die verschiedenen Deadlines habe ich alle im Blick und versuche eine Reihenfolge festzulegen. Will entscheiden wieviel Zeit ich für welche Sache investieren muss. Aber ich fühle mich wie diese Person in den Filmen, um die herum sich alles bewegt und ich stehe wie im Schock einfach da.

Ich weiß, dass die Gesellschaft ein System braucht, um zu funktionieren. Genauso kann es keine Lösung sein, dass es plötzlich hinfällig wäre, sich hier und da anzupassen, um Ziele zu erreichen.
Doch was durchaus möglich ist, ist eine Zusammenarbeit beider Seiten.
Elaine Aron beschreibt diese Idee mit zwei Rehen auf einer Lichtung: Das normalsensible Reh sieht das grüne Gras auf der Lichtung und steuert sofort darauf zu. Das hochsensible Reh jedoch observiert die Situation erst und schätzt Gefahren ab. Was wäre nun, wenn die Rehe kein Team wären? Das eine würde sicherlich irgendwann von einem feindlichen Tier gerissen werden, wohingegen das hochsensible Tier früher oder später verhungern würde.

Ich habe mich nach dem Observieren mittlerweile längst auf die Wiese gewagt, doch das andere Reh frisst das Gras vor mir weg. Es kommen andere dazu und mir wird das zu viel. Die Lichtung ist schön, die Sonnenstrahlen blitzen durch die Tannenzweige und es riecht köstlich nach Wald, doch mir verging der Appetit.

Alles um mich herum bewegt sich und ich stehe einfach nur da.

* Elaine Aron - Das hochsensible Kind 

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s