“Das Leben spielt sich draussen ab und Facebook ist eine Plattform, die jedem die Möglichkeit gibt, sich zu verstellen. Das will ich einfach nicht mehr.”

Auf diesen Satz einer E-Mail bin ich gerade gestoßen. Verfasst im Januar 2012, wo MySpace gerade von Facebook abgelöst wurde und ICQ nicht mehr das Coolste war. Im Januar 2012 war ich 18, eine Zeit, in der alle begannen, sich auf diversen Plattformen zu tummeln. Aber schon bevor Social Media überhaupt begann, sich auf Laptops und Smartphones (iPhone 3!) zu etablieren, ahnte ich die Gefahr, die es für mich birgt.

Jetzt bin ich 26 und stehe vor der der selben Sache, nur ist es diesmal nicht Facebook: Instagram, das will ich einfach nicht mehr.
Vor einiger Zeit habe ich in einer Nacht- und Nebelaktion alle meine Fotos gelöscht, weil ich unzufrieden darüber war, wie ich mich da präsentierte. Dass ich mich überhaupt präsentierte. Warum? Ich will versuchen, es zu erklären.

Das einst simple Ziel “Schau mal” wurde zu “Schau mal, was ich habe, kann und bin.”

Ich erinnere mich noch an die ersten Accounts, die Instagram unsicher machten. Versehen mit pixeligen, farbintensiven Filtern war es zunächst die einzige Intention, sich mitzuteilen – und zwar instant. Da wurde nicht viel überlegt, nachbearbeitet, philosophiert, sondern noch im selben Moment geteilt. “Ich bin gerade hier und tue gerade das.” Das hatte seinen Reiz. Der Mensch liebt es, sich mitzuteilen und zu zeigen, etwas, das sehr schnell in die Schiene der puren Darstellung rutscht. Der Wunsch nach Bestätigung wächst, das Ziel des Gefallens drängt sich in den Vordergrund. Es dauert nicht lange und das einst simple Ziel “Schau mal” wurde zu “Schau mal, was ich habe, kann und bin.” Ich will Anerkennung. Lob, Likes. Damit einher geht ganz fix Vergleich, Neid und Unzufriedenheit. 
Die jüngste Aktualisierung Instagrams, dass Likes nun verborgen werden sollen und nur vom Inhaber des Accounts selbst zu sehen sind, ist eine Bestätigung des Problems. Und ich bemerke: Ich bin ein leichtes Opfer.


Dabei zuzusehen, wie andere ein ähnliches Leben führen oder ein komplett anderes, das ich spannend finde, ist nicht nur auf sozialen Medien interessant. Diverse Filme und Serien zeigen ganz simpel den Alltag anderer: Und man guckt zu. Eigentlich total komisch und ich glaube, auch nur bis zu einem gewissen Grad gesund. Es als Inspiration zu nutzen, sich fortzubilden, Gedankenanstöße zu erlangen finde ich voll okay. Doch wie im Halbschlaf durch Accounts zu scrollen, um unreflektiert Inhalt zu konsumieren finde ich gefährlich. Aber das tue ich oft. Und damit verbaue ich mir wertvollen Platz in meinem Kopf.

Plötzlich eigne ich mir eine Verantwortung für wildfremde Menschen an, die ich nicht enttäuschen will

Ich persönlich würde nur einen Account führen wollen, der meine Follower weiterbringt. Mit Gedanken, Erkenntnissen, die ich nicht für mich behalten will, weil ich sie dafür als zu groß erachte. Ich will keinen Feed haben, bei dem jeder Post mein Gesicht zeigt. Denn selbst, wenn ich Inhalte hätte, die nur durch mein Porträt visualisiert würden, damit aber nichts zu tun hätten, würde ich mich darstellen. Und von Menschen, die sich selbst darstellen wollen (oder müssen), gibt es genug. 

Damit einher geht, dass Menschen regelmäßig gefüttert werden müssen, damit der Spaß nicht verloren geht. Das ist zu einer Erwartungshaltung mutiert, sodass man jeden Tag Content liefern müsste, um eine wachsende Community beizubehalten. Weißt du was? Ich habe nicht jeden Tag etwas zu sagen. Darüber hinaus habe ich definitiv nicht jeden Tag etwas zu zeigen. Es gibt Phasen in meinem Leben, die sind so stressig oder so schön, dass mein Kopf über Tage hinweg nicht philosophiert, nachdenkt oder reflektiert, sondern einfach im Moment ist. Mist, es gibt da ja aber die Leute, die etwas sehen möchten. Also bereite ich vor. Speichere Fotos von heute für morgen, überlege mir einen Text, den ich übermorgen präsentieren kann. Anstrengend. Am Ziel vorbei. Plötzlich eigne ich mir eine Verantwortung für wildfremde Menschen an, die ich nicht enttäuschen will, denn sie stehen mir mit einer aus dem Nichts entstandenen Erwartungshaltung gegenüber. Dabei will ich doch nur teilen.

Ich bemerke, dass ich tief über all das nachdenke. Vielleicht zu tief, um Teil dieser Bewegung zu sein. Möglicherweise soll es bei diesem oberflächlichen Konsum bleiben, und ich als entschleunigte Person, die sowieso findet, dass sich die Welt zu schnell dreht, passt da einfach nicht rein.

Wo ich auch nicht reinpasse, ist die Perfektion. Filter, Nachbearbeitung, Lächeln. Den liebenlangen Feed. “Mehr Realität auf Instagram” empfinde ich als eine Illusion. Ganz einfach, weil ich auf einer Plattform, die dazu anregt, mein Leben zu bearbeiten, keine Realität darstellen kann. Mehr Realität auf Instagram würde bedeuten, dass ich mich zwei Monate mal nicht melde. Ein Foto ohne Bildbeschreibung poste. Ein Foto zeige, das keiner versteht und ich auch nicht, weil ich eben grad in so einer Phase stecke. Es würde bedeuten, dass ich stark kritisiere. Meine Meinung frei heraus posaunen würde, weil mir an einem Montag Abend gerade danach ist. Und wenn du jetzt denkst “Ja, mach das doch! Solche Menschen braucht Instagram.”, dann hast du das Konzept des Mensch-Sein nicht verstanden. Sowas ist schlichtweg nicht interessant. Unbeständigkeit, Unzuverlässigkeit, fehlende Ästhetik und verwirrende Inhalte sind es nicht wert, zu konsumieren. Stimmt’s? Man würde die Realität, nach der sich jeder sehnt, nicht wollen.

Aber der Mensch sehnt sich nunmal nach Authentizität und Echtheit. Deswegen schimpfen wir über die meisten Accounts, denen wir folgen (wie ironisch). Denn die Frauen schminken sich bis hin zur Makellosigkeit, die Farben der Fotos sind wie in den Til-Schweiger-Filmen durchgehend stimmig und es wird gezeigt und betont, was einen im Leben so glücklich macht. Das Haus, der Hund, der Partner. Anstrengend. Unrealistisch. Ich sehne mich nach Realität. Aber warum mache ich einen Hashtag draus? Ich habe doch eine Realität. Ich lebe sogar in ihr. Ich sehne mich also nach etwas, das ich habe? Ich bin verwirrt.

Also mache ich eine Pause.

Instagram ist mir zu absurd geworden. Menschen, die im echten Leben den Kontakt zu mir abgebrochen haben, lächeln mich in ihren Stories an. Influencer, die heute einen „echt anstrengenden Tag hatten“, betiteln ihre Fotos mit „Werbung“, denn im letzten Satz der Bildunterschrift sind die neuesten Badekugeln von Lush verlinkt.
Was mache ich hier eigentlich?

Ich weiß um die Eigenschaft, die mit meiner Hochsensibilität einher geht: Durchdenken. Manchmal zerdenken. Andere konsumieren und ich denke darüber nach, denn ich tue mir schwer damit, einfach anzunehmen und mitzumachen.
In der letzten Zeit habe ich auf Instagram einfach angenommen und mitgemacht und ich bemerke, dass mir das nicht gut tut. Instagram ist eine Plattform, auf der ich anderen die Möglichkeit gebe, viel von mir und meinem Leben zu sehen. Das will ich nicht unbedacht tun. Es ist eine Plattform, auf der mir andere die Möglichkeit geben, viel von sich und ihrem Leben zu sehen. Auch das will ich nicht unbedacht annehmen.

Also mache ich eine Pause. Ohne schlechtes Gewissen, sorry Follower.

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