Manchmal hat man abends Kopfschmerzen und geht mit der Hoffnung schlafen, dass sie am nächsten Morgen verschwunden sind. Kennst du das?
Mir passiert es manchmal, dass ich mit einem eher negativen Gefühl einschlafe und hoffe, dass der Schmerz am nächsten Morgen vergangen ist. Doch das ist eher selten der Fall.

Vor einigen Tagen hat mich das Heimweh gepackt. Als hochsensible Person wundert mich in dem ganzen Gefühlschaos gar nichts, doch nur weil ich mich erklären kann heißt das nicht, dass es weniger schmerzt. Ich bin Familien- und Heimatverbunden. Man könnte meinen, das würde in der heutigen Zeit nicht mehr viel bedeuten, jetzt wo man alle Möglichkeiten hat, die Welt zu erkunden, warum dann daheim bleiben?
Ich bin schon immer gerne daheim geblieben. Fand das in meiner Pubertät auch etwas seltsam, aber mein Herz hat ganz klar nach Ruhe, Verständnis, Rückzug, Horizont und Weite gesucht, die mir mein „Daheim“, bezogen auf Familie sowie Umgebung, stets geboten hat.
Wenn ich heute darauf zurückblicke, wie ich aufwachsen durfte und welche Städte ich für meine Ausbildung und mein Studium wählte, fühle ich mich verwöhnt. In mir steckt eine Sehnsucht nach natürlichen Gerüchen, nach leisen Geräuschen, Dinge, die andere nicht so selbstverständlich wahrnehmen. Windsausen, Laubrascheln, Wasserplätschern, Fußstapfen im Matsch, Regentropfen auf der Kapuze, Vogelschwärme in V-Form. Bäume, die sich im Wind biegen, Weizenfelder, die Wellen schlagen, der besondere Duft der Morgenluft.

Meine Seele kann inmitten von Beton keine Wurzeln schlagen.

Als Kind habe ich das bestimmt alles nicht bewusst wahrgenommen, aber es war da, es tat mir gut, es brannte sich ein. Als Mädchen habe ich es genossen, aber nicht aufsuchen müssen. Und nun schmerzt mein Herz, weil ich es seit langem einfach nicht um mich habe.

Seit nunmehr einem Jahr und 3 Monaten lebe ich für mein Studium in der Millionenmetropole Budapest und was mich in dieser Stadt bis jetzt faszinierte, schwang letztes Wochenende ins Gegenteil um. Ich sah nicht mehr, was ich hier habe, sondern was mir hier fehlt: Meine Seele kann inmitten von Beton keine Wurzeln schlagen.
Meine Welt schien so grau wie die Hochhäuser und Straßen. Meine Hoffnung hier glücklich sein zu können verflog wie der Auspuff der vielen Autos und meine Ohren dröhnten wie die Metro, die Busse und die Straßenbahn zusammen.

Viele Menschen finden ihren Reiz an Großstädten. Hier ist was los, das kann ich ohne Zweifel bestätigen, hier wird es nie langweilig, das sicherlich auch nicht. Manch einer definiert „Weite“ eben mit den vielen Kulturen, die in einer Stadt zusammen kommen, die besondere Atmosphäre.
Weite bedeutet für mich nicht in Flugzeuge zu setzen und Länder über Länder abzuklappern. Wenn ich mich nach dem Horizont auszustrecken will, meine ich nicht die Aussicht von grauen Wolkenkratzern oder endlose Möglichkeiten an Clubs und Restaurants.
Ich spreche von den Bäumen, die vor uns da waren und von den vielen Tieren, die darin ihre Heimat haben. Ich rede vom Duft des Grases und des Regens. Weite ist für mich nicht von Menschen geschaffen.

Wenn ich bewusst durch Budapest laufe, schwingt meine Stimmung oft in Traurigkeit um. Die Häuser könnten kaum höher sein, die Läden kaum pompöser. Für eine neue Statue musste ein Baum weichen, für eine neue Häuserreihe wird ein Park verkleinert. Baulärm hier, Verkehrslärm da. Die Menschen sind gierig. „Höher, schneller, weiter“, sie verdrängen in ihrem Leben das, was ihnen Leben spendet.

„Ich will aus dem Gedankekarussel raus, anhalten bitte, ich steig‘ jetzt nämlich aus.“

Meine Hochsensibilität erlaubt mir, nicht blind durch den Alltag zu trotten, sondern Missstände wahrzunehmen, die nicht offensichtlich sind. Das ist meist schwer zu tragen, weil diese Einstellung selten jemand mit mir teilt. Ich muss mich erklären und beende den Satz dann häufig mit „ach, egal.“ Der „Weltschmerz“* kann von den meisten meiner Freunde nur gering, selten in der vollen Tiefe, nachvollzogen werden, weswegen das Heimweh noch viel mehr zupackt: Das Heimweh an den Ort, der mich versteht.

Und jetzt sitze ich hier, bin schon längst in das Gedankenkarussel eingestiegen, das fleißig seine Runden dreht. Da bemerke ich wieder: Einsteigen gleicht einem Automatismus, Aussteigen ist eine Entscheidung. Für das Eine brauche ich beinahe keine Energie, für das Andere alles was ich habe.
Ich darf trauern. Meine momentanen Umstände tun mir nicht gut, das darf ich erkennen. Ich darf darüber weinen. Mich darüber aufregen. Schimpfen. Und: Ich darf auch wieder damit aufhören. Mein Herz wird immer ein Stück dieser Sehnsucht in sich tragen, die Frage ist nur wieviel Platz ich diesem Stück lasse.

„Du bist stark.“ hat mein Mann in dieser Situation zu mir gesagt und er hat recht. Ich schaffe das. Ich bin ein Meister in Freude an Details, also stelle ich mir noch eine weitere Blume auf den Schreibtisch. Auf dem Weg zum weitentfernten Park nutze ich Ohropax und dort angekommen, lasse ich sie noch ein paar Minuten länger in den Ohren, damit ich mich intensiver auf den Duft der Rose einlassen kann. Ich stelle Vogelfutter auf unserem Balkon bereit und bete, dass Gott die paar wenigen Spatzen in dieser Stadt auf den 6.Stock fliegen lässt. Und er lässt sie fliegen. Mein Herz tanzt.

Eine hochsensible Seele ist in der Gefahr sich in Melancholie, eben dem Weltschmerz und zum Beispiel dem Heimweh zu verlieren. Oft denke ich mir „Es sind nunmal die Zustände der Welt, die Missstände der Gesellschaft, wie soll ich das denn ausblenden können oder sogar wollen?“ Ich glaube, es ist eine Kunst zu erlernen, sich diese Eigenschaft beizubehalten, denn sie ist wertvoll, aber seine Gedanken, Emotionen und Stimmungen nicht davon einnehmen zu lassen.

Der Regen bringt Leben. Die Sonne aber auch.** Am besten sollten sie zusammenarbeiten.

*Welt·schmerz
Die seelische Grundstimmung prägender Schmerz, Traurigkeit, Leiden an der Welt und ihrer Unzulänglichkeit im Hinblick auf eigene Wünsche, Erwartungen
**
Zitat "Saving Mr. Banks"

1 Kommentar zu “Heimweh.

  1. So gut und so wahr!

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