Hochsensibilität im Alltag

Vom Gestern lernen

Ich möchte heute ein paar Zeilen aus meinem tiefsten Herzen teilen. Zeilen, die an einem Ort ihr Zuhause gefunden haben, wofür nur ich den Schlüssel besitze. Zeilen, die sonst keiner kennt: Zeilen aus meinem Tagebuch.

Ich habe zwar nie regelmäßig oder voller Begeisterung Tagebuch geschrieben, trotzdem liegt gerade neben mir das schon etwas zerflatterte, gebrauchte Büchlein, das voll von meiner Handschrift ist. Immer mal wieder nahm ich das Buch, das mit Rosenmalereien bedruck ist, in die Hand, um Meilensteine aufzuschreiben, Abenteuer in Worte zu fassen. Und es ist das beste, was ich hätte tun können.

Denn rückblickend kann ich nun nachlesen, wie ich wuchs. Wie ich charakterlich vorwärts kam, stagnierte, in Frage stellte und begriff. Vor allem in Bezug auf meine jüngste Erkenntnis ist es eines der schönsten Dinge zu erkennen, wie ich sie schon immer in mir trug: Die Hochsensibilität.

Immer wieder finde ich Einträge, in denen ich davon schreibe, wie ich aus Verzweiflung, Angst, Überforderung oder Freude weinte. Wie sehr mich Veränderungen in meiner Umgebung schon immer beeinträchtigten und wie oft mir die Dinge auffielen, die andere nicht bemerkten. Wie leicht es mir schon immer fiel, mich am glimmenden Zweig der Hoffnung wieder aufzurappeln und wie ich schon immer eine starke Willenskraft und Begeisterung an Schönem hatte: „Und ich bekomme meinen Mund beim Zurückdenken immer noch nicht zu, genauso wie mir die Worte fehlen.“ Einträge voller verbaler, tiefgehender Kreativität und Sätze „Gestern ist vorbei! Das finde ich immer so unbegreiflich, irgendwann ist das „morgen“ vorbei.“ zeigen mir, wie ich schon immer tiefer dachte.

Als ich nach dem Abi ein Jahrespraktikum begann, stand ich vor mir völlig neuen Herausforderungen. Es wurde in kurzer Zeit viel von mir, die sich ihrem Charakter noch nicht sicher war, verlangt und ich war oft davor, aufzugeben.
„Wenn ich aufstehe ist mir schlecht, meine Haare fühlen sich zerzaust an, meine Wangen warm. Ich muss mich nicht nur an neue Leute gewöhnen, auch an neue Gerüche und Geräusche. (…) Meine Füße haben nicht mehr durchgängig Laminat unter sich, sondern abwechselnd rauen Teppich und kalte Fließen. (…) Mir gehen unsinnige Gedanken und Sorgen durch den Kopf (…) ich möchte meinen Kopf auf den Tisch legen und ihn da liegen lassen, bis sich alles automatisch eingependelt hat.“

Als mir dort auf meinem Personalausweis meine Heimatadresse überklebt wurde, war es mir ein Anliegen, darüber zu schreiben. Dass sich jemand in meiner Tätigkeit als Bedienung in einem Café beschwert hat, ebenfalls. „Kaffee mit Salzgeschmack und Schwierigkeiten, mit verschwimmenden Augen beim Wechselgeld geben.“ Mir gingen also Dinge nahe, die andere genauso erlebten, aber nicht als besonders abtaten oder weniger emotional damit umgingen.

In ebendieser Zeit stand mir ein Schüleraustausch mit einer Partnerstadt in China bevor. Es war mir ebenfalls schon immer ein Leichtes, mir Sorgen über das Morgen zu machen. Meist auch über das Überübermorgen. Ich schrieb: „…es beunruhigt mich nach wie vor ein wenig, aber trotzdem ein wenig zu viel. Nachteile, Vorteile, Schlupfmöglichkeiten, Sorgen über ungelegte Eier. (…) Na ja, es sind ja gerade noch 7 Monate bis dahin.“ Genauso hatte ich schon früh die Gabe, mich durchzukämpfen. Irgendwie das Beste draus zu ziehen „China ist von einer Entfernung von 7 Monaten auf eine von 4 Wochen geschrumpft. Bauchkribbeln, Sorge, innerliche Hilferufe, aber die innere Sicherheit: Milli, das wird dich vorwärts bringen.“

Mein Tagebuch ist voll von Ängsten, Freuden, Fragen die meine sensible Seele bestätigen. Die mich in heutigen, herausfordernden Situationen „normal“ fühlen lassen, denn ich war schon immer so. Das BIN ich. Mich schnell niedergeschlagen zu fühlen bin ich. Mich wieder aufraffen zu können bin ich. Von Musik, Natur und Tieren begeistert zu sein bin ich. Details zu sehen bin ich, Menschen besonders wertzuschätzen bin ich.

Aus einem Eintrag der Zeit, in der ich von zuhause auszog und mich nirgends zuhause fühlte, schrieb ich

„Ein Feuer braucht Zeit, bis es beginnt, zu brennen. Der Weg dorthin ist meist schwierig und oft ist man bereit aufzugeben. Aber man muss doch daran denken, wieviel Wärme, Wohlsein und Licht es einem spendet, wenn man nicht aufgibt und voll Geduld und Freude bereit ist, Kraft zu investieren.“

Mein Charakterzug ist das Feuer. Meine Hochsensibilität bringt Wärme, Geborgenheit und Licht. Doch bis es in neuen, überfordernden Situationen brennen kann, dauert es. Wird durchflutet von Zweifel, Kraftlosigkeit. Wie schade wäre es jedoch, zu früh aufzuhören, es in Brand zu stecken.



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