Hochsensibilität im Alltag

Dasitzen und vor sich hin schauen.

Mir geht das alles viel zu schnell. Manchmal bedaure ich es, in der jetzigen Zeit Mitte Zwanzig zu sein. Ich bin nicht jung genug, um mit all den Entwicklungen und den angehefteten Erwartungen aufgewachsen zu sein, sondern wurde reingeschmissen. Kann mich dem nicht entziehen. Denn ich bin auch nicht alt genug, um sagen zu können “Das Internet versteh’ ich nicht. Ich versende meine Briefe weiterhin per Post, das WhatsApp da will ich nicht haben.” Ich muss es nutzen. Irgendwie ist man doch dazu gezwungen, sich dem hinzugeben, oder?

Ich erinnere mich noch an die Zeit, als ich am Computer 30 Minuten hatte, um im Internet zu surfen, weil es sonst zu teuer wurde. Und eigentlich wusste ich gar nicht, was ich da machen soll. Mein Bruder erinnert sich an das erste YouTube Video und ich hatte immer Zeit einmal komplett das Stück “Für Elise” auf dem Klavier zu spielen, während der PC hochfuhr. Heute geht alles zackzackzack. Unbegrenztes Internet, Laptop mit einem Klick ohne Zeitverzögerung hochgefahren, jeden Tag tausende neue Inhalte auf Youtube und Co. Mir fehlt die Zeit zum Durchatmen. Zum Nichtstun. Ich ertappe mich dabei, wie ich meine Pausen genauso mit Inhalten fülle, von denen ich Pausen bräuchte. Ich hab total verlernt, wie das geht: Langsam sein. Gestern hatte ich das starke Gefühl, an meinem Lebensstil etwas ändern zu müssen und blicke dabei auf meine Kindheit, denn ich glaube, aus ihr kann ich schöpfen.

Ich lebte im Moment.

Als Kind hatte ich in jeder Situation nur den Moment im Kopf. Dass man sich um mehrere Dinge gleichzeitig zu kümmern lernt ist ein Prozess, vor dem man in der Kindheit noch geschützt ist. Als Kind haben sich Ereignisse sehr selten überlappt, normalerweise sah das immer so aus: Aufstehen. Frühstücken. Schule. Heimgehen. Hausaufgaben. Freunde. Abendessen. Schlafengehen. Ich habe mir in der Schule nie Gedanken über das Abendessen gemacht. Oder als ich mit Freunden spielte, war mir noch egal, welche Gute-Nacht-Geschichte es geben wird. Ich lebte im Moment. Da will ich wieder hin. Klar, das konnte ich nur so tun, weil meine Eltern den Überblick behielten. Jetzt ein Leben in der kindlichen Freiheit ist nicht mehr möglich und das ist auch gut so. Die Naivität legt man ab, man wird selbstständiger und dazu gehört es nunmal, mehrere Dinge gleichzeitig im Blick zu haben. Trotzdem empfinde ich das Gefühl, dass wir die Grenze dafür immer wieder überschreiten.

Ich ertappe mich dabei, wie ich mir mit der Erwartung in andere selbst Stress zuteil werden lasse.

Wir erwarten von anderen und einem selbst viel zu viel.
“Sie hat mir seit vier Stunden nicht zurückgeschrieben, da stimmt was nicht.” “Ich hab da zwei mal angerufen und da ging keiner ran, was für ein schlechter Service”. “Ich warte schon seit drei Tagen auf die E-Mail, ich wurde bestimmt vergessen”. Ich ertappe mich dabei, wie ich mir mit der Erwartung in andere selbst Stress zuteil werden lasse. Und auch das will ich ablegen. Ich möchte anderen mehr Zeit geben und damit einher gebe ich mir mehr Zeit. Außerdem möchte ich meine Energie mehr in andere Menschen stecken, als in die Medien. Ich kenne zwar den neusten Vlog von XY, weiß aber nicht wie der Arbeitstag meiner Freundin war. Ich höre mir Podcasts über historische Ereignisse an, frage aber nicht bei meinen Großeltern nach, wie die das erlebt haben. Ich investiere in fremde Personen, gucke mir deren Leben an, weiß, was sie zum Mittag gegessen haben, bilde mir eine völlig unnötige Meinung darüber und liege dann abends reizüberflutet im Bett. Kann nicht einschlafen. Paradox das Ganze. Irgendwie auch widerwärtig. Ich bin schockiert davon, wie ich meine Werte verteile.
„Tut mir Leid, dass ich mich solange nicht gemeldet habe, ich hatte so viel zu tun.“, sage ich und vergesse dabei, dass zum „viel zu tun“, 2 Stunden Youtube und 2,5 Stunden Instagram am Tag dazugehörten. „Das hast du mir ja gar nicht erzählt…“ tippe ich enttäuscht auf WhatsApp, während ich mich missachtet fühle, gleichzeitig weiß ich aber, wie die Katzen von Bloggern heißen, denen ich im Leben nie begegnen werde.

Das vielbereitete Zitat von Astrid Lindgren “Und dann muss man ja auch noch Zeit haben, einfach da zu sitzen und vor sich hin zu schauen.“ ist mein Herzensschrei. Denn sie hat recht. In diesen Worten steckt so viel mehr Wahrheit, als man es zugeben möchte, denn obwohl es Instagram Seiten und Pinterest Moodboards ziert, wird es doch kaum verstanden. Verweilen. Nichtstun. Verarbeiten. Ohne Zeitdruck. Ich erinnere mich an weit zurückliegende Momente, in denen ich gefragt wurde, was ich heute so gemacht habe und ich nach kurzem Überlegen eigentlich keine Antwort geben konnte “Öh.. nichts irgendwie”. Und dann lächelte. Denn mich erfüllte da ein Gefühl des Friedens.

Den liebenlangen Tag nichts tun geht nicht mehr so einfach. Face it. Aber es muss doch möglich sein, am Tag Phasen des Nichtstuns zulassen zu können.
Ich will wieder ab gewissen Uhrzeiten nicht mehr erreichbar sein. Ich will Instagram, WhatsApp und YouTube-Pausen einhalten. YouTube gar nicht mehr zum Verweilen nutzen, denn ich finde es mittlerweile einfach peinlich, was für isolierter, egoistischer und grenzenloser Inhalt dort zu finden ist.
Ich will mich mit wertvollen Inhalten füllen oder mich auch mal gar nicht füllen. Um einfach wieder mal nur dazusitzen und vor mich hinzuschauen.

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