Hochsensibilität im Alltag

Viel, voll, schön

”Ich fühle mich wie in einem Schnellzug, mit kurzer Umsteigezeit. Ich fahre ein Stück und während ich auf dieser Fahrt voll präsent sein will, muss ich mich schon damit beschäftigen, auf welchem Gleis der nächste Zug wegfährt. Das Umsteigen muss schnell gehen und auch im nächsten Zug habe ich nur eine kurze Verschnaufpause, bis ich wieder umsteigen muss.”

Manche Phasen im Leben sind hektisch und voll. Momentan stemme ich die verschiedensten Positionen gleichzeitig: Ich bin Masterstudentin, selbstständig, Angestellte, Freundin, Verlobte und kurzzeitig auch Weddingplannerin. Meine Jobs verlangen mir nicht nur Kreativität ab, sondern auch das Vermögen weit im Voraus zu planen, Kompromisse einzugehen, große Entscheidungen zu treffen, finanziellen Überblick zu behalten, sozialen Beziehungen gerecht zu werden und in allem emotional hinterherzukommen. Es ist momentan unfassbar wichtig, dass ich auf meinen Körper höre und die Liebe für mich selbst nicht verliere, um all diese Positionen meistern zu können. Sich inmitten von Trubel notwendige Auszeiten zu nehmen, ist nicht immer leicht und oft selbst ein anstrengender Akt. Oh, die Hochsensibilität.

Ich versuche eine hochsensible Person zu sein, die anderen nahebringt wie es ist, seinen Alltag hochsensibel zu meistern und scheitere dann eben an dem Punkt, der meist alle vereint: Lähmung durch Stress. Ich saß in der letzten Zeit oft am Laptop und habe versucht, die Schreibblockade zu überwinden, aber das Ende vom Lied wäre meist ein Text gewesen, in dem ich mich beschwert hätte. “Alles zu viel, alles zu schwer, hochsensibel sein ist kacke und die Stadt ist laut und voll.”

Stimmt auch. Aber neben dem viel und dem voll steht das schön. Ich will alles, nur mich nicht beschweren. Neben der Dankbarkeit, die ich für all diese Aufgaben empfinden will, behalte ich die Sensibilität dafür, zu bemerken, etwas in mir zu tragen, was anderen und schlussendlich auch mir gut tut. Auch wenn alles voll ist, behalte ich es, aufmerksam zu bleiben, um aus kleinen Dingen Energie zu schöpfen, die der andere nicht sieht oder als unwichtig abtut. Wie zum Beispiel als ich…

… Straßenbahn fuhr und plötzlich eine Frau in “seltsamen Lauten” vor sich hinreden hörte. Es war sehr unangenehm und störend. Viele Leute hatten sofort einen genervten Blick und teilten ihren Unmut miteinander, ohne sich der Situation genauer anzunähern. Ich wollte mich der Atmosphäre nicht einfach so hingeben und sah genauer hin: Es war eine gehörlose Frau, die per Facetime telefonierte – mit der einen Hand das Handy hielt und mit der anderen Gebärdensprache gestikulierte. Beim Mitteilen taten sich die Wortgeräusche auf, für deren Lautstärke sie als Gehörlose keine Sensibilität empfand. Als ich den ganzen Umstand erkannte, hatte ich ein Lächeln im Gesicht. Ganz im Gegensatz zu vielen anderen Menschen in der Straßenbahn.

…vor meinem Fenster ist ein Durchgang, der zwei Straßen verbindet. Allerhand Leute laufen dort ständig durch und ich liebe es, meine Gedanken beim Anblick der verschiedenen Menschen schweifen zu lassen. Vorhin sind zwei kleine Jungs auf ihren Rollern durchgesaust. Mein Blick hat sie nur eine Sekunde lang erhascht. Und trotzdem konnte ich ihre Freude voll spüren, wie sie ihre Kindheit genießen und Spaß an einander haben. Ich durfte lächeln und mich daran erfreuen.

Momentan sind die erforderlichen Ruhepausen in kurzen Abständen vonnöten. Das zeigt mir, dass mein Kopf und Herz jeden Tag bis zur Grenze gefordert ist. Wenn ich, wie beispielsweise letzte Woche, jeden Tag einen wichtigen Termin habe, auf den ich mich vorbereiten muss, muss ich die Zügel anziehen und mich durchbeißen, immer auf einen Tag fixiert, den ich beispielsweise alleine verbringe, um wieder aufzutanken. Und was tut mir in Zeiten gut, in denen so viel los ist?

  • Ich versuche zusätzlichen Input in Form von Bewegtbild oder Bild zu vermeiden. Der Kopf speichert Fotos oder Filme viel intensiver ab, als nur Gehörtes oder Gelesenes. Manchmal dient mir ein Film als Entspannung, wenn das so ist, ist das gut. Oftmals fördert es aber das Gegenteil: Noch mehr zum Verarbeiten.
  • Rausgehen. Ich bin zwar unfassbar faul, was es heißt, eine Runde draußen zu laufen, vor allem wenn ich wie momentan in der Stadt wohne. Aber mit Oropax und der frischen Luft (die es bei Regen auch gibt), fühlt ich mich nach nur 20 Minuten wieder bereit für’s weitermachen.
  • Ich versuche, früh schlafen zu gehen. Auf 8 Stunden Schlaf zu achten ist Gold wert. Das Leben wird nicht langweiliger, wenn man früher schlafen geht und wenn ich von deinem Körper etwas verlange, muss ich ihm auch als Gegenleistung Ruhe gönnen. Das geht mit genügend Schlaf am Besten. Und du wirst sehen: Er nimmt es gerne an!

Doch die besten Hausmittel helfen alles nichts, wenn ich nicht den wichtigsten Baustein gelegt habe: Selbstannahme.
Wir machen uns nichts vor: Hochsensibilität ist anstrengend und verlangt viel ab. Doch genauso viel gibt sie im richtigen Umgang zurück.
Ich fordere dich auf: Mach dich auf die Suche nach deinem Platz in diesem Phänomen, sodass du dich den Herausforderungen des Lebens mit Freude stellen kannst. Und dann schaffen wir das schon – wir Hochsensiblen.

6 Kommentare zu “Viel, voll, schön

  1. Ölbär

    Schön geschrieben! Auch als nicht hochsensible Person schätze ich deine Gedanken sehr. Bitte mehr davon 🙂

    Gefällt 1 Person

    • hellomilli

      Danke für deinen Kommentar! Es ist super schön zu wissen, dass meine Gedanken ankommen und nicht nur Hochsensible ansprechen. Viele Grüße, Ölbär!

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  2. Daniela Wettich

    Deine Worte strotzen voller Freude. Danke, dass du das mit uns teilst!

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  3. Annika Hofmanm

    Toller Text! Er hat mich sehr ermutigt, meine Hsl zu etwas positiven zu machen. Gerne mehr Tipps von dir aus deinem Alltag :))

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    • hellomilli

      Hallo Annika, vielen lieben Dank für deinen Kommentar! Der ermutigt nämlich wiederum mich 🙂 Ich bin sehr gespannt, wo du deine Hochsensibilität im Alltag positiv einbinden kannst. Viele Grüße! -Milli

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