Hochsensibilität im Alltag

In der Beziehung

Mich hat’s voll erwischt. Vor knapp zwei Jahren hab ich mich in diesen einen Typen verguckt und seit einem Jahr und ein paar Tagen bin ich Hals über Kopf verliebt. Ich habe, kurz bevor ich ihn kennengelernte, fast nicht mehr dran geglaubt, dass es jemanden geben könnte, der mich so nehmen würde, wie ich bin.

Nämlich wie eine Achterbahnfahrt.
Ich bin ein Paket voller Emotionen und alle sind echt. Ich schieße heute wie ein Wirbelsturm durch das Zimmer, will alles erleben und bin zwei Tage darauf von einem von außen betrachtet harmlosen Ereignis komplett ausgeknockt. Ersteres kommt deutlich häufiger vor und bestimmt meine Persönlichkeit – letzteres ist trotzdem ein Teil von mir.

„Es war mir klar, dass ich irgendwann auch diese Milli kennenlernen werde.“

Das musste mein Freund erst einmal lernen, zu kombinieren. Als wir uns kennenlernten war mein Leben ein einziger Sommer: Es hat mir an Fröhlichkeit und Glücklichsein nicht gefehlt. Als es dann nach ein paar Monaten zu einer Situation kam, in der ich emotional zusammenbrach, habe ich mir große Sorgen gemacht, wie er das auffassen würde. Möglicherweise denkt er, ich sei nicht echt. Vielleicht bringe ich ihn maßlos durcheinander oder überfordere ihn komplett. Ich habe mich für meine Emotionen bei ihm sogar entschuldigt, als er sagte: “Ich habe die letzten Monate die fröhliche Milli kennengelernt. Es war mir klar, dass ich irgendwann auch diese Milli kennenlernen werde.”* Dass mein Freund mich so und so angenommen hat, hat auch mir geholfen, meine Emotionen anzunehmen.
Manchmal überfordere ich mich mit mir selbst. Frage mich in manchen Situationen, ob das jetzt wirklich mein Ernst sei. Aber oft bin ich einfach eine leichte Beute meiner Gefühle – die nunmal da sind. In dieser Gefühlswelt, die ich akzeptieren lernte, lasse ich mir trotzdem nicht die Macht nehmen, die Kontrolle zu behalten. Ich glaube, das ist der Dreh- und Wendepunkt: Ich gebe mich meinen Emotionen nicht kampflos hin – und das bemerkt auch mein Partner. 
Dass ich verstehe, auch in einer Beziehung weiterhin für mich und meine Gefühle verantwortlich zu sein, ist wichtig. Denn kein Gegenüber hat die Fähigkeit und Aufgabe, jemanden aus seinen Emotionen rauszuholen – das kann schlussendlich nur derjenige selbst. Das Gegenüber kann dabei eine Hilfe sein. Wie sieht das bei mir und meinem Freund aus, wenn ich aufgrund meiner Hochsensibilität einen Tiefpunkt erlebe?

+++ Grundsätzlich war es für mich schwierig, mich meinem Freund diesbezüglich überhaupt zu öffnen. Ich wollte über viele Jahre mit meinem Gefühlschaos alleine klarkommen, habe eine Mauer um mich gebaut und in heiklen Momenten keinen reingelassen – lieber wollte ich alleine sein. Dass ich nun meinem Freund die Verantwortung gegenüber habe, mich ihm zu erklären, sodass er mich versteht und eine Beziehung möglich ist, war ein Prozess. Von seiner Seite aus war da viel Geduld und Fragen-Stellen erforderlich. Und ich werde nie in Worte fassen können, wie dankbar ich bin, dass er sich für beides Zeit nahm und weiterhin nimmt, denn die Möglichkeit, mich mitzuteilen schenkt mir viel Freiheit.*

+++ Zeit ist tatsächlich ein wichtiger Faktor. Die brauche ich nämlich. Ich weiß, dass ich sie von meinem Freund nicht immer verlangen kann und das ist auch absolut okay. Dann muss ich sie mir alleine geben und mich ihm mitteilen, wenn die Zeit da ist.

+++ Wenn ich meinem Freund mitgeteilt habe, dass es mir nicht gut geht, heißt das noch lange nicht, dass ich ihm sagen kann, was los ist. Mir fehlen oft einfach die Worte. Manchmal lege ich mir die Sätze im Kopf zurecht, aber da bleiben sie noch eine Weile. Das hab ich ihm außerhalb einer emotionalen Situation erklärt und es ist wichtig, dass er es weiß. Mittlerweile wartet er ab, bis ich mich mitteilen kann – oder akzeptiert, dass es mir an Formulierungen fehlt.*

+++ Für einen Außenstehenden kann es schnell so wirken, als würde ich mir das alles ausdenken. Heute so, morgen so – und dann auch noch in solchen Extremen. Ich kann diesen Eindruck nachvollziehen und muss und will mir dessen bewusst sein, um anderen in diesem Bewusstsein zu begegnen. Das zeichnet sich durch klare Kommunikation ab und durch einen geraden Rücken. Nur wenn ich zu mir selbst stehe, kann ich anderen erklären warum ich gerade wie drauf bin und dass das okay ist. Sobald ich mich angenommen habe, bin ich nicht primär von der Annahme anderer abhängig.

“Du bist die Milli. Ob du so bist, oder wie eine Rakete. Du bist die Milli.”

+++ Bin ich von einer Situation oder schlichtweg dem Alltag überfordert, will ich von meinem Freund nicht erwarten, dass er das Problem löst. Was ich mir wünsche ist, dass er es mit mir zusammen trägt und versucht, meinen Schmerz nachzuvollziehen.* Dabei muss ich wiederum ihm helfen.

Bemerkst du’s? Der eine nimmt, der andere gibt. Und andersrum – auf vielen Ebenen. Das ist der Zauber einer Beziehung!
Es kann ganz schön kompliziert werden, mit diesen Emotionen. Oft ein echter Punkt, über den wir stolpern. Doch dass ich jemandem meine Persönlichkeit mit ihrer Emotionswelt erklären musste und weiterhin erklären muss, hat mir unfassbar geholfen, mich selbst nochmal aus einem ganz anderen Blickwinkel zu sehen. Auch dass mich mein Freund mit meiner Eigenschaft so angenommen hat und immer wieder versucht, mich zu verstehen, war mir eine Hilfe, mir selbst gnädig und verständnisvoll gegenüber zu treten.*

Vor einiger Zeit war mir wieder einmal alles zu viel und ich war völlig neben der Spur. Da sagte er mir “Du bist die Milli. Ob du so bist, oder wie eine Rakete. Du bist die Milli.”*

So ist das bei uns. Sicherlich sieht das bei jedem anders aus – deswegen würde ich mich riesig freuen, wenn du mir in den Kommentaren oder auf Instagram davon erzählen würdest, wie ihr das in eurer Partnerschaft handhabt!








*He’s the cutest, I know.

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