Hochsensibilität im Alltag

To love is to be vulnerable

Ich habe eine große Liebe für meine Mitmenschen. Verständnis für mein Gegenüber. Ich kann und will nie lange wütend sein, sondern suche immer nach Gründen, die ein Handeln erklären. Ich bin darauf bedacht, Zündstoff aus Situationen zu nehmen. Mein größter Wunsch ist es, dass sich mein Gegenüber wohl fühlt. Menschen, die sonst keiner sieht, schenke ich bewusst meine Aufmerksamkeit. 

Genauso funktioniert das mit freudigen Situationen. In mir explodiert ein Feuerwerk, wenn eine mir nahestehende Person etwas großartiges erreicht. Wenn meine Freundin einen Heiratsantrag bekommt. Wenn mein Freund seine Prüfung besteht. Ich platze beinahe und übertrumpfe damit häufig die Freude desjenigen, der den Erfolg erlebte.

Ich spüre die Emotionen, die ein anderer spürt in einer ähnlichen, beinahe gleichzusetzenden Intensität.

Vor ein paar Tagen ging ich mit meinem Freund essen. Mein Essen war okay, etwas zäh und nicht umwerfend lecker. Er war sehr zufrieden mit dem, was er sich bestellte und empfand Freude daran. In dem Moment war es mir völlig egal (ich übertreibe nicht), dass es mir nicht schmeckte. Mein einziger Wunsch war es, dass es ihm gut ginge. Als ich bemerkte, dass es das tat, konnte auch ich Glück empfinden.
Nach dieser Situation wurde mir erneut bewusst, wie sehr meine Hochsensibilität mit meinem Charakter verwoben ist. Ich bin so. Und müsste mich anstrengen, anders zu sein.

Eine gute Freundin wurde vor einer Woche operiert. Wir gingen davon aus, dass sie am nächsten Tag wieder nach Hause kann, doch mittlerweile liegt sie seit 2 Wochen im Krankenhaus. Der Heilungsprozess geht sehr langsam voran. Obwohl sie weit von mir weg ist und ich ihre direkten Emotionen nicht erleben kann, fühle ich unsagbar ehrlich mit ihr mit. Ich empfinde über die letzten Wochen eine Langeweile und Unverständnis, wahrscheinlich in einem größeren Maße, als sie es tut. 

Das Resultat dieser überaus emphatischen Eigenschaften ist energieraubend.


Ich spüre die Emotionen, die ein anderer spürt in einer ähnlichen, beinahe gleichzusetzenden Intensität. Schmerzliches empfinde ich meist noch schmerzvoller. Ich verzichte, sodass ein anderer haben kann. Oft mache ich mir damit selbst das Leben schwer. Warum ich lernen muss, mich diesbezüglich zurückzunehmen und diesen Charakterzügen nicht dauerhaft Ausdruck zu verleihen? Aus Selbstschutz. Ganz zu Schweigen von der Möglichkeit, dass Emotionen oftmals nicht in der selben Intensität zurückgegeben werden, ist das Resultat dieser überaus emphatischen Eigenschaft energieraubend.

To love is to be vulnerable.  C.S. Lewis

To love is to be vulnerable bedeutet, die Liebe, die ich für andere an den Tag lege nimmt Kraft und macht mich gewissermaßen verletzlich, weswegen ich mich anstrengen muss, anders zu reagieren. 

Wie sieht das konkret aus?
Im Alltag muss ich mir Scheuklappen anziehen. Vor allem in der Stadt muss ich bewusst an Elend vorbeischauen, sonst begleitet mich das noch eine Weile. Hier in Budapest sieht man sehr viele Obdachlose oder erkennt anhand der Kleidung eine soziale Unterschicht. Oft schaue auf dem Weg zur U-Bahn auf den Boden, um in solchen Brennpunkten “nichts zu sehen”.
Ich mache das definitiv nicht, weil mir diese gesellschaftlichen Probleme egal sind, vielmehr weil ich dazu neige, sie zu meinen Problemen zu machen.

In dem Fall meiner Freundin, muss ich mir bewusst Emotionen verbieten. Ich frage nach, wie es ihr geht und wenn sie mir erzählt, dass es ihr den Umständen entsprechend gut geht, dann darf ich das so annehmen. Ich muss nicht mehr fühlen, als sie es tut. 

Ein anderer wichtiger Tipp ist es, Emotionen da stehen zu lassen, wo ich sie fühlte. Ich muss sie nicht mit nach Hause nehmen oder gar mit in meine Nacht. Ich darf zu meinem Emotionskarussell “Stopp” sagen, wenn ich merke, dass es beginnt, mir Energie zu rauben.

Wie gehe ich mit freudigen Momenten um?
Wenn ich mich in einer Situation mehr als mein Gegenüber freue, kommt es oft so rüber, als würde ich es nicht ernst meinen – logisch, meinen Freudenausbruch kann er schließlich nicht nachvollziehen. Also muss ich hier lernen, mich zwar ehrlich zu freuen, aber die meisten Raketen des Freudenfeuerwerks nicht nach außen zu tragen. Ich muss mir dabei zwar oft auf die Zunge beißen, um nicht doch loszujubeln oder mir auf die Füße treten, um nicht doch im Zimmer das tanzen anzufangen. 🙂

Viele sagen über Hochsensibilität aus, dass sie Segen und Fluch zugleich sind und ich unterschreibe das sofort. Gerade was Emotionen angeht, empfinde ich meine Hochsensibilität als sehr anstrengend, da man als Hochsensibler damit in unserer Gesellschaft selten auf Verständnis stößt.

Aber Fluch und Segen bedeutet auch Segen. Und auf den will ich schauen.

*Starke freudige Emotionen in einer Welt, die langsam verlernt, was es bedeutet, sich mitzufreuen und füreinander zu freuen.
*Ehrliches Mitleid erleben und aus dieser Motivation heraus Veränderung schaffen.
*Immer wieder an Grenzen stoßen, die mir aufweisen, wer ich bin.

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