Schon als kleines Mädchen habe ich mit den Kindern gespielt, mit denen keiner spielen wollte. Tatsächlich war es mir dabei völlig gleich, ob es Spaß gemacht hat oder nicht. In der Schule war ich immer die Person, die dem neuen Kind in der Klasse zur Seite stand und es nicht über das Herz brachte, den Einzelgänger alleine stehen zu sehen.
Dass meine Aktionen oft dazu führten, selbst Außenseiter zu sein, war zwar nicht immer leicht, aber trotzdem jedes Mal die Rolle, in der ich mich am wohlsten fühlte: Die Rolle, die dem Einzelnen Wertschätzung entgegen brachte.
Besonders wenn ich an meine Schulzeit zurückdenke, habe ich mich am Anfang oft erst bei den lauten Kids wiedergefunden. Ich war zunächst ein Teil der coolen Gruppe. Saß in der letzten Reihe. Aber ich habe schnell gemerkt, dass da oft kein Herz für die leisen Kinder war. Kein Verständnis für die unsicheren Kinder. Das hat wiederum nicht zu meinem Charakter gepasst. Also war ich oft so mittendrin, tendierend zu den Außenseitern. In der ersten Reihe. Die waren oft echt, ihren Humor musste ich erst entdecken, sie haben nichts aufgesetzt. Durch diese Erfahrungen haben sich echte Freundschaften entwickelt, weil sich tatsächlich etwas entwickeln musste. 
Durch diese Erfahrung habe ich früh gelernt, dass stille Wasser tief sind. Und dass es sich meistens lohnt, in die zunächst vorsichtigeren Menschen zu investieren.

Erwachsene Menschen können mehr Verantwortung für sich selbst übernehmen, als Kinder. Wenn es also heute darum geht, in einer Gruppe anzukommen in der ich bereits bin, schenke ich Neuzugängen oder Menschen, die es offensichtlich schwieriger haben, ein offenes Lächeln. Ich tausche einen kurzen Satz mit ihnen aus und gebe meinem Gegenüber damit das Signal, dass sie auf mich zukommen können. Ich will signalisieren: Du bist gesehen. Du darfst Dich trauen. Du bist okay.

Vor einiger Zeit fand ich dieses Video online:

Ein Igel hat keine Freunde, weil er zu stachelig ist. Seine Klassenkameraden wollen nicht neben ihm sitzen oder mit ihm spielen, weil sie sich wehtun, wenn sie ihm zu nahe kommen. Doch an Weihnachten kommt dem Eichhörnchen eine Idee: Sie stecken Styropor auf seine Stacheln, damit sie ihn umarmen können, ohne sich zu verletzen.

Die Kommentare unter dem Video sprechen die selbe Sprache: Die Menschen sind berührt von dieser warmherzigen Geschichte.

Doch ich musste über die Message dieses Videos erst einmal lange nachdenken. Klar hat es mich berührt und grundsätzlich ist es eine positive Aussage. Aber viel mehr hat es mich schockiert: Der Igel musste sich verändern, um angenommen zu werden. Schlimmer noch: Er wurde verändert. Im gesamten Video wird dem Igel die wichtigste Message nicht mitgeteilt: Du bist okay.

„Um jemanden in ein Miteinander aufzunehmen, sollte sich die Gruppe ändern und nicht das Individuum.“

Ich empfinde das als eine Botschaft, die direkt aus der Gesellschaft kommt: Es ist die Aufgabe eines jemanden sich zu verändern, damit er angenommen werden kann. 
Ich muss ein wenig über mich selbst schmunzeln, so tief wie ich in diesem kleinen Video an Aussage krame, aber so einfach kann ich ihm nicht die Kraft geben, die bloße Message von „oh wie süß“ zu transportieren.

Um jemanden in ein Miteinander aufzunehmen, sollte sich zu Beginn die Gruppe ändern und nicht das Individuum.

„(…) den Einzelnen so anzunehmen, wie er ist, da sie das Talent besitzt, ausgeprägte Empathie zu empfinden.“

Es ist tatsächlich so, dass eine hochsensible Person den Einzelnen viel eher wahrnimmt, als es ein Normalsensibler tut. Das zeichnet sich bei mir schon mein ganzes Leben ab. In unserer schnelllebigen Gesellschaft ist das ein unfassbar hohes Gut! Einer hochsensiblen Person fällt ebenfalls die Fähigkeit leichter, den Einzelnen so anzunehmen, wie er ist, da sie das Talent besitzt, ausgeprägte Empathie zu empfinden. Und genau das will ich immer mehr verfeinern lernen. 
Ich will für den Igel die Tische auseinanderrücken, damit er durchpasst.
Im Bus neben ihm sitzen; auf der Rückbank ist genug Platz.
Ich will mit ihm etwas spielen, bei dem er mitmachen kann und ihn von vorne auf der Schaukel anschubsen.
Ich will den Igel umarmen, lange bevor er darüber nachdenken muss, was mit ihm falsch sein könnte. 

Manchmal kommt es vor, dass ich der Igel bin. Dass ich das Gefühl habe, mit mir stimme etwas nicht. Keiner scheint mich anzunehmen, jeder geht mir aus dem Weg. Was ich dann machen will, ist genausowenig verschiedene Jahreszeiten lang darauf warten, bis jemand an meiner Haustüre klopft, als ich mich schon fast aufgegeben habe. Ich will mir selbst glauben, dass ich es wert bin, geliebt zu werden, Stacheln hin oder her.

 

4 Kommentare zu “Außenseiter

  1. Oh wow, das ist so schön geschrieben und gedacht 🌺
    Danke für diese Geschichte 😊

    Liebe Grüße
    Susanne

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    • hellomilli

      Liebe Susanne, danke für deine Feedback. Ich freue mich riesig, dass Dir meine Gedanken gefallen ♥️

      Deine Milli

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  2. Silvia Schmid

    Hallo Milli, unglaublich, was Du für einen Tiefgang hast. Deine Freunde können sich glücklich schätzen so eine Freundin zu haben! Du hast mich neugierig gemacht. Ich werde mehr von Dir lesen und freue mich auch auf Deinen Blog. Liebe Grüße, Silvia

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