Hochsensibilität im Alltag

Milli in der Großstadt

Kennst du die Bücherreihe von Millie? Millie in New York, Millie in Paris, …? Ein kleines Mädchen bereist Die Welt. Die Beschreibung vom Buch „Millie in New York“ lautet wie folgt:

„Toll findet sie die vielen Wolkenkratzer, die vor ihr und neben ihr und hinter ihr in den Himmel wachsen. Aber die Füße tun Millie weh. Und teuer ist es hier auch.“

Ich glaube, der einzige Unterschied zwischen Millie und mir, ist das „e“ am Ende des Namens. Denn auch mir tun hier in der Großstadt oft die Füße weh.

Ich bin in einem Dorf am Stadtrand aufgewachsen. Unser Haus grenzte an Wälder und Wiesen. Das Privileg in einem eigenen Haus aufzuwachsen hatte zur Folge, dass wir keine direkten Nachbarn und damit auch keine Ruhestörungen hatten.
Wir Kinder konnten unbeschwert auf den Straßen spielen, weil nur äußerst selten ein Auto kam. Und wenn doch, musste es im Schritttempo an uns vorbei. Die Sommerferien wurden grundsätzlich draußen verbracht – beinahe nur zum Essen und Schlafen ging es ins Haus. Im Winter unternahmen wir Kinder stundenlange Schneespaziergänge durch Wald und Flur. Mein ständiger Begleiter in der Kindheit: Die Stille.
Dass ich erst so spät mit meiner Hochsensibilität konfrontiert wurde, lag also wohl sicher auch daran, dass sie für so lange Zeit nicht überreizt war.

Mir war klar, dass ich nicht immer abgelegen vom Geschehen sein wollte, als ich für mein Abitur in eine andere Stadt zog und Großstadtluft schnupperte. Alles war vor der Tür, entweder hüpfte ich in die Straßenbahn, die alle zehn Minuten kam oder ging schlichtweg zu Fuß. Ich bemerkte also schnell, dass Großstadt seine Vorteile hatte.
Rückblickend entdecke ich aber immer wieder, auch lange bevor ich von meiner Hochsensibilität lernte, dass ich meine Fühler nach Natur und Stille ausstreckte. Nenne mir die Stadt in der ich wohnte und ich kann dir Orte sagen, die nur mir gehörten.

Zwischen dem Abschluss meines Abiturs und meinem momentanen Masterstudium liegen sechs Jahre. In diesen Jahren wechselte ich vier Mal meinen Wohnort, bis ich nun hier landete: In Budapest, Ungarn.

Vom zuletzt beschaulichen Wohnort mit 120.000 Einwohnern in eine Millionenstadt. Hier ist es hektisch. Hier ist es laut. Gebäude sind grau, an vielen Ecken stinkt es und es gibt so viele Autos, wie Menschen.
Warum ich das überhaupt mache, wenn ich doch weiß, dass es mich überfordert?
Hochsensibilität soll keine Einschränkung sein. Sie soll keine Barrieren schaffen, im Gegenteil: Sie soll sie abschaffen. Dass ich hochsensibel bin heißt nicht, dass ich verzichte, es heißt, dass ich anders mit etwas umgehe. Erst wenn man mal ins kalte Wasser springt, lernt man, sich in Extremsituationen neu kennenzulernen, richtig? Und da Extremsituationen meistens nicht an die Tür klopfen und fragen, ob sie reinkommen dürfen dachte ich mir, ich nutze diese Chance.

Chance nutzen heißt bei mir in diesem Fall: Mich zum Beispiel im Trubel selbst auf Dinge aufmerksam machen, die ich schön finden könnte. Viele Häuser hier sind zwar grau, aber längst nicht alle. Wie erfrischend, wenn man mal ein schönes, gepflegtes, farbenfrohes Haus entdeckt. Davon will ich mir unbedingt den Innenhof anschauen! Und schon bin ich in der Welt, in der ich mich wohl fühle und alles begann mit einer Überredung von mir selbst.
Wenn mich alles überfordert, muss ich auch Veränderung wollen. Oftmals ist das der schwerste Part: Sich selbst am Schopf aus dem Sumpf ziehen. Aber irgendwann kommt der Stein ins Rollen und neben den anfangs einengenden Eindrücken entdecke ich die viele Kreativität, die sich in der Großstadt verbirgt. Street Art, vor der ich eine Weile stehen bleibe, statt nur daran vorbeizugehen. Die vielen Ideen, die mir der Mix an Kulturen und Sprachen gibt.
Hier, im kalten Wasser, habe ich endlich die Möglichkeit der Selbstverwirklichung. Eine neue Möglichkeit, mich Menschen so vorzustellen, wie ich sein möchte. Ganz ich selbst.

In einer Folge von der Serie „Black Mirrors“ hieß es einmal

It’s like when you want to jump into a pool and you’re worried that the water’s going to be cold. But you know moments after you jump in that it’ll be be fine. It’s the fear of the shock that holds you back.

Trotzdem darf ich in allem nicht vergessen, mir treu zu bleiben, auf meinen Körper zu hören und meine Gesundheit vorne an zustellen. Wenn sich mein Alarmknopf meldet, meistens durch Magenschmerzen und Verspannungen im Körper, muss ich mich fragen, wo ich einsparen kann: Vielleicht dann heute kein Gang in die Stadt, vielleicht mal eine Parallelstraße zur Hauptstraße laufen, in der es ruhiger ist. Mal keine schnelle Metro, wo die Menschen dicht gedrängt sind, sondern zehn Minuten eher los. Essen gehen nicht auswärts, sondern daheim, Wocheneinkauf auf morgen früh verschieben, wo nicht so viel los ist.

Mein Umzug in die Großstadt verlangt mir vieles ab. Aber es ist immer wieder ein so großes Geschenk zu bemerken, wie gut ich mich mittlerweile kenne und immer mehr kennenlerne – momentan dank der Großstadt.

Ich will Dich ermutigen, Herausforderungen nicht einfach so abzusagen, sondern dich ranzuwagen. Abzuwägen, ob es die richtige Zeit ist sie anzugehen. Und in jeder Situation die Chance nutzen, Dich selbst kennenzulernen, völlig egal, ob das die erste Intention der Situation war, oder nicht. Don’t let the fear hold you back.

1 Kommentar zu “Milli in der Großstadt

  1. Silvia Schmid

    Es ist schön zu lesen wie gut Du Dich – in so jungen Jahren schon – kennst und wie achtsam Du mit Dir umgehst. Du hast so einen wunderbar lebendigen Schreibstil. Wenn ich die Augen schließe kann ich sehen, wie Du durch die Großstadt schlenderst und Dinge entdeckst, die niemand anders sonst wahrnimmt. Welch ein Geschenk Gottes – Deine Hochsensibilität. Liebe Grüße, Silvia

    Gefällt 1 Person

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