Mir wurde alles zu viel. Viele Stunden verbrachte ich in der letzten Woche tagtäglich am Computer, mein Rücken verspannt, meine Augen müde.
Heute war mir, kurz bevor ich zur Uni aufbrechen wollte, klar, dass ich dringend Zeit für mich brauchte. Raus hier. Gedanken schweifen lassen, Abstand von allem. Aber draußen wartete der Lärm auf mich, die vielen Autos, das laute Stimmengewirr. Musik über Kopfhörer zu hören ist für mich nicht immer eine Lösung, weil sie für mich einen zusätzlichen Reiz darstellt, der sich nicht mit meiner visuellen Wahrnehmung vereinbaren lässt.
Doch da kam mir eine Idee.
Fertig angezogen für einen Spaziergang steckte ich mir Ohropax in die Ohren und zog noch zusätzlich eine Mütze auf. Ich war abgeschirmt. Vom einen auf den anderen Moment war ich in einer anderen Welt – meiner Welt – und was mir dabei sofort auffiel: Ich hörte mich atmen.

Den folgende Text habe ich geschrieben, als ich für einige Zeit auf einer Parkbank saß und mitten im Getümmel von Stille umgeben war. Ich habe lange nichts derartig befreiendes erlebt und es zeigte mir erneut, wie extrem lärmempfindlich ich bin.
Ab sofort werde in Zukunft hin und wieder diesen einen Sinn dick einpacken, damit er zur Ruhe kommen kann – und ich auch.

Lass mich Dir den Text hier vorlesen

Ich schließe meine Ohren
und höre mich endlich wieder atmen.
Meine Umgebung scheint plötzlich unsichtbar zu sein
alle Geräusche sind verstummt.
Ich sehe Menschen laufen, als würden sie schweben
sehe Münder sich bewegen, als würden sie lautlos reden.
Blätter tanzen im Wind
ohne dabei zu rascheln
keinen Mucks gibt die Welt von sich
sie ist einfach nur da
so wie ich.
Ton aus.
Volume off.
Viel zu oft höre ich auf alles
außer auf mich.
Mit geschlossenen Ohren bekomme ich eine neue Sicht
auf die Dinge, die viel größer sind, wenn sie schreien
doch ich nehme ihnen die Stimme.
Ruhe.
Ich bin dran
ich will mich einfach nur atmen hören
damit ich weiß, dass ich es noch kann.

-Milli

 

 

3 Kommentare zu “Atmen hören

  1. Danke Dir für diesen Post ❤️ Auch ich bin sehr empfindlich was Geräusche angeht, bei mir hat sich sogar eine Hyperakusis entwickelt, sodass ich immer Ohrstöpsel bei mir tragen muss, damit ich mich z.B. in Cafes und Restaurants aufhalten kann (und dies hilft auch nur wenn ein bestimmter subjektiver Pegel nicht überschritten wird). Dies macht mein soziales Leben schwierig, aber ich versuche so gut es geht auf mich und meinen Körper zu hören, was ja auch das wichtigste ist, wie du auch schon in deiner „Blogeinleitung“ geschrieben hast ❤️

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    • hellomilli

      Danke für deinen lieben Kommentar und den Einblick in deine Hochsensibilität! Freue mich, dass du auf meinen Blog gestoßen bist und hoffe dich auch in Zukunft in meinen Einträgen ansprechen zu können :*

      Gefällt 1 Person

  2. Silvia Schmid

    Was für ein wunderschönes Gedicht – ich habe Gänsehaut! Ich benutze in meinem Garten an der Straße auch oft Ohrenstöpsel, doch so schöne Zeilen sind mir dabei noch nie eingefallen 🙂

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