Hochsensibilität im Alltag

Hochsensibel im Studium

2014 habe ich begonnen, Kommunikationsdesign zu studieren. Ein solches Studium besteht aus 7 Semestern Regelstudienzeit, doch meistens werden 8 daraus. Jedes Semester besteht aus mindestens 2 Projekten, die in Gruppen aus häufig 15 Personen und mehr besprochen werden. In diesem Blogpost möchte ich Dir von drei Semestern berichten, die mich dazu veranlasst haben, mehr über mich und meine Persönlichkeit verstehen zu wollen:

Das Dritte Semester

Nichts über meine Gesundheit

Klingt wie der Titel eines schlechten Films und manchmal habe ich mich während dieser Zeit auch so gefühlt: Wie in einem falschen Film.
Das dritte Semester im Kommunikationsdesignstudium zeichnet sich dadurch aus, dass drei Wahlpflicht-Projekte binnen drei Monate bearbeitet, fertig gestellt und auf der anschließenden Semesterausstellung präsentiert werden müssen. Neben dem Studium betreute ich bereits in meiner Selbstständigkeit Projekte. Es war aufregend viel los! Für eine hochsensible Person kann das aber schnell zum gegenteiligen Effekt werden.
Parallel und auf lange Zeit mehrere Arbeiten gut zu meistern kann brenzlig ausgehen.  Um diese Semesteraufgaben zu schaffen, kamen dementsprechend zahlreiche Flaschen Club Mate und Tassen Kaffee auf mich zu und Nächte, die kein Ende nahmen. Um 5 Uhr morgens ins Bett, um 9 Uhr morgens wieder am Schreibtisch. Da ich mit anderen Studenten im selben Boot saß, haben wir uns gegenseitig gepusht und verglichen – die Latte war hoch gesetzt. Dabei habe ich nie beachtet, dass andere später an ihre Grenzen kommen können, als ich. Das Ganze ging solange gut, bis mein Körper klare Signale sendete: Schlechte Haut, Herzrasen und der Krankenhausaufenthalt haben mir gesagt „Milli, Stopp. So geht’s nicht weiter: Nichts über Deine Gesundheit.“ Deine Gesundheit soll nicht darunter leiden.

Ein Leitsatz, den ich seitdem immer wieder in den Vordergrund rücke. Ich habe für einige Zeit aufgehört, Koffein zu konsumieren, denn wenn mein Körper müde ist, will ich ihm Schlaf geben und kein Aufputschmittel. Ich habe mir in dieser Zeit vorgenommen, nie wieder wegen der Arbeit auch nur eine Nacht durchzumachen, sondern lieber am Tag meinen Rhythmus besser einzuteilen. Das habe ich bis heute durchgehalten.

Das Fünfte Semester

Für die Menschen um mich herum schien das wie ein sehr dummer und nicht nachzuvollziehender Schritt. Für mich persönlich aber war er das einzig richtige.

Im fünften Semester sind alle Studierenden dazu aufgefordert, in ein von ihnen ausgewähltes Unternehmen zu gehen, um dort ein Praxissemster zu absolvieren. Das heißt, um im Oktober einen Praktikumsplatz zu haben, muss bereits Anfang des Jahres ein Portfolio erstellt und Bewerbungen verschickt werden. Das hätte wieder ein zusätzliches Projekt bedeutet und war für mich persönlich unmöglich umzusetzen. Also habe ich gepokert und schlichtweg kein Portfolio erstellt. Als der Oktober immer näher rückte, blieben mir nur noch Kontakte übrig, die mir dann tatsächlich ohne Portfolio zu einem Praktikumsplatz in einer Grafikagentur verholfen haben. Um dieses Praktikum wahrzunehmen, stand ein Umzug in eine der Agentur-WG’s bevor. Für mich hieß das: In nur einem halben Jahr eine Bindung zu fremden Menschen aufzubauen, mit denen ich zusammen wohnen werde und mich gleichzeitig in einer fremden Stadt an einem fremden Arbeitsplatz einfinden. Das schien eine viel zu große Hürde zu sein, aber ich hatte keine andere Wahl! Mittlerweile waren es nur noch vier Wochen, bis mein Praktikum begann und die Vorbereitungen hätten in vollem Gange sein sollen. Aber ich war wie versteinert. All diese Dinge, die ich hätte planen müssen überkamen mich wie eine Flut und verschlangen mich. Ich erinnere mich, wie mir von jetzt auf dann glasklar wurde: „Milli, das packst Du nicht – das geht nach hinten los.“ Also wog ich noch einmal ganz rational ab, nahm mich mit meinen Gefühlen ernst und entschied mich dazu, das Praktikum abzusagen. Für die Menschen um mich herum schien das wieder ein sehr dummer und nicht nachzuvollziehender Schritt zu sein. Für mich persönlich aber war er das einzig richtige.
Obwohl ich nun drei Wochen vor Semesterbeginn ohne Praktikum dastand und mir die Zeit davon rannte, war ich innerlich wieder befreit und voller Motivation. Endlich wieder mein Tempo. Ohne Portfolio blieb mir jetzt nur noch die Bewerbung mit dem guten alten Lebenslauf und ich fand damit einen Praktikumsplatz in einer örtlichen, kleinen Schreinerei, sowie im Stadttheater. Dort erlebte ich die wohl beste Zeit, die ich mir hätte vorstellen können: Voller Kunst und Arbeit mit Naturmaterialien. Schauspiel, einem überschaubaren Kollegium mitten in einem Abenteuerspielplatz. Ereignisse, die ich daheim in meiner vertrauten Wohnung ausklingen lassen konnte. In meinem gesamten Praxissemster saß ich kein einziges Mal vor einem PC und erlebte doch eine enorme berufsbereichernde Zeit: Weil ich zuvor auf mich hörte.

Das Achte Semester

Der Schritt war nicht leicht, aber ich wusste, er würde förderlich sein.

Im achten Semester stand der Bachelor an. Für mich war einige Zeit davor schon klar, dass ich über die für mich neuentdeckte Hochsensibilität schreiben möchte. Es war möglich, sich für einen Arbeitsplatz in der Uni zu bewerben, um vor Ort seine Arbeit zu schreiben und kreativ zu sein. Klingt erstmal gut und hilfreich, da der Lärm einer Baustelle in meinem Haus das Arbeiten erschwerte. Doch schnell habe ich gemerkt, dass an meinem zugewiesenen Arbeitsplatz in einer Art Großraumbüro viel zu viel los war: Der eine Kommilitone hörte Musik, der andere ist immer wieder raus und rein, wieder einer hat sein Mittagessen ausgepackt und der Duft dessen hing im ganzen Raum. Es war sehr schwer, mich auf meine Arbeit zu konzentrieren. Also entschied ich mich gegen die Arbeitsgemeinschaft mit meinen Kommilitonen, was mir gleichzeitig natürlich schwer fiel, und zog für das Semester zu meinem Freund an den Stadtrand. Der Schritt, meine zentrale Wohnung und die stadtnahe Uni gehen zu lassen, um in dem kurzen Semester eine gute Arbeit zu schaffen war nicht leicht, aber ich wusste, er würde förderlich sein.
Um meine Bachelorarbeit zufriedenstellend abzuschließen, achtete ich auf die Dinge, die mir mein Studium neben der Gestaltung gelehrt hat: Genügend Schlaf, Pausen, gute Ernährung. Die frühen Signale von Überforderung ernst zu nehmen half mir, in (m)einem guten Tempo gut voran zu kommen. Natürlich waren stressige Phasen nicht zu vermeiden, aber der Umgang damit war entscheidend.

Grundsätzlich kann ich nicht in Worte fassen, wie dankbar ich darüber bin, dass ich in der Zeit meines Studiums so viel über mich selbst lernen durfte.
Lernen ist oft mit Schmerz verbunden, weil es bedeutet, dass ich vorher etwas nicht gewusst oder falsch annahm und somit Sicht- oder Denkweisen umkrempeln muss. Danach jedoch lebt es sich in der Regel besser.

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