Hochsensibilität im Alltag

Woher weiß ich, ob ich hochsensibel bin?

Dass ich hochsensibel sein könnte, bemerkte ich, als ich meinem Körper, der auf geballte Stressituationen meist mit körperlichen Beschwerden reagiert, unwissend falsch behandelte. Das zog massive negative Auswirkungen mit sich. Meine Geschichte kannst du hier nachlesen. Dass die Grenze zu Stress und Überreizung bei einer hochsensiblen Person viel früher erreicht wird, als bei Normalsensiblen, erschwert die Erkenntnis der eigenen Hochsensibilität und vor allem das damit einergehende “okay sein”. Schließlich will man nicht aus dem Rahmen fallen, oder? Man will ein Teil sein und nicht aus der Reihe tanzen. Wenn alle so viel arbeiten können, Mama-sein und Karriere meistern oder Chef und Fußballtrainer sind und dabei auch noch glänzen, dann kann ich das auch. Stimmt’s? Ich habe lange nicht gewusst, dass das Zeitmanagement meines Gegenübers nicht das richtige Zeitmanagement für mich ist. Irgendwie nimmt man sich als Maßstab oft Menschen, die aufgrund ihrer Präsenz und Leistung im Mittelpunkt stehen, welche die Gesellschaft als gut abtut. Und das tut sie meistens, wenn schnell gute Leistungen erzielt werden.
Woher weiß ich also, dass ich hochsensibel bin, um das mit einer gesunden Selbsteinschätzung zu umgehen? Ich muss mir Fragen stellen. Einige findest Du hier in diesem Eintrag.

Nimmst Du Dich eher zurück?
“Hochsensibel“ und “Mittelpunkt” ist sowieso so eine Sache. Am liebsten lassen Hochsensible anderen den Vortritt, da sie sich selbst nie als wichtiger abtun würden. Harmoniebedürfnis schreiben hochsensible Personen groß, weswegen sie sich öfter zurücknehmen. Rückzug im Allgemein ist einer der wichtigsten Punkte im Alltag eines Hochsensiblen, da dieser zur Verarbeitung, zum Revue passieren und neu ordnen dient – also eine Prävention zur Überreizung.

Bist Du schnell überreizt?
Hochsensible sind tatsächlich häufig Meister im multitasken, weil sie eben überdurchschnittlich viel gleichzeitig aufnehmen können. Aber genau damit einher geht die Gefahr, schnell überreizt zu sein und dann im Grunde genommen nichts mehr hinzukriegen. Wenn ich in meinem Studium beispielsweise drei Deadlines an einem Tag habe, ist es für mich unmöglich die drei Fächer gleichzeitig zu bearbeiten, da ich jedem einzelnen nur eine mäßige Portion Kreativität schenken könnte und viel zu schnell überwältigt wäre. Also habe ich gelernt, es mir aufzuteilen, um jedem Projekt einzeln Aufmerksamkeit zu schenken. So erziele ich die bestmöglichsten Ergebnisse. Natürlich klappt das mal besser und mal schlechter.

Neigst Du zu Perfektionismus?
Hochsensible sind ebenso oft sehr detailverliebt und präzise. Da, wo ich an grafischen Umsetzungen Ewigkeiten arbeite, ist meine Kommilitonin schon längst den nächsten Schritt gegangen. Das ist auf der einen Seite ein großer Vorteil, denn oft kommt es eben auf die kleinen Dinge an, es kann aber auch zum Nachteil werden, weil ich dadurch vielleicht unnötig Zeit verliere.

Hochsensible haben einen Sinn für gesellschaftlich unsichtbare Dinge.

Fallen Dir Kleinigkeiten auf?
Apropos Details. Die fallen Hochsensiblen nämlich überall auf. Ein Blick für Dinge, an denen andere nur vorbeigehen zeigt sich bei hochsensiblen Personen häufig. Ist das nicht schön? Wenn mein Freund und ich spazieren gehen, dann halte ich ihn öfter mal an, um ihn auf Kleinigkeiten aufmerksam zu machen, die er übersehen würde. Wie kleine Vogelfußspuren im Sand oder eine perfekt geformte Kastanie. Eine Wolke in Herzform oder ein süßes, älteres Pärchen auf der Parkbank. Hochsensible haben einen Sinn für gesellschaftlich unsichtbare Dinge und das ist in meinen Augen ein großer Schatz.

Kannst Du Dich schlecht entscheiden?
Wir halten also die schnelllebige Gesellschaft gerne mal an! Was für ein Privileg. Beim Anhalten verlieren wir nur leider wieder die Zeit. Vor allem bei Entscheidungen. Das kann sich bei Kleinigkeiten, wie einem Einkauf beim Bäcker zeigen, oder bei größeren Investitionen wie beim Mieten einer Wohnung. Oft brauche ich da menschliche Entscheidungshilfen oder ich spreche mir selber zu, dass ich mich jetzt mal nicht so haben soll –  sonst käme es wohl nie zu einem Ergebnis. Innerlich ist das meist wie ein Kampf, da ich tatsächlich meistens zu jeder Option eine gute Begründung für Ja und Nein habe! Andere denken da gar nicht darüber nach. Definitiv etwas, wovon ich mir eine Scheibe abschneiden könnte, so bizarr es klingt: Hier und da mal weniger nachzudenken.

Hochsensibilität im richtigen Umgang ist also nichts, was die Leistung eines Menschen einschränkt oder verlangsamt, wobei ich bereits das Schlüsselwort angedeutet habe: der richtige Umgang. Häufig höre ich von Menschen, die zu ihrer ausgeprägten Hochsensibilität nicht stehen wollen, aus Angst sich mit einer Veränderung des Lebensstils zu konfrontieren. Veränderungen werden nämlich gerne vermieden, da diese Neuorientierung mit sich bringen und das auch schnell mal überfordert. Aber als Konsequenz stillschweigend mitschwimmen und sich nicht verwirklichen? Nein! In Dir steckt Einzigartigkeit, Kreativität, soziale Fähigkeiten, spannende Ideen und Gedanken. Scheu Dich nicht davor, Dich kennenzulernen, denn das ist der einzige Weg, die Welt zu verändern.

Ich fasse aus diesem Text also ein paar Schlagworte zusammen und ergänze mit weiteren Stichpunkten, die Dich auf Deine Hochsensibilität hinweisen könnten. Kommt Dir einiges bekannt vor?

  • Schnelle Überreizung
  • Hohe Kreativität und Freude an Kunst (völlig egal, welcher Bereich)
  • Stresssituationen zeigen sich in körperlichen Beschwerden (häufig Kopfschmerzen, Magenschmerzen)
  • Starkes Harmoniebedürfnis
  • Detailverliebt, schweres loslassen von unfertigen Dingen
  • Keine Entscheidungsfreude und Denken auf verschiedenen Ebenen (sog. Meta Denken: Übers Denken nachdenken)
  • Unangenehmes Empfinden, mehrere Dinge gleichzeitig zu machen
  • Schwer „Nein“ sagen können, um nicht zu enttäuschen und es allen recht zu machen (siehe Harmoniebedürfnis)
  • Schlecht Prioritäten setzen können, weil “alles gleich wichtig” ist
  • Neigung zu Perfektionismus
  • Starke Beeinträchtigung durch Veränderungen

 

  • Reize wie Lärm oder chaotische Szenen stören immens. Meist so ausgeprägt, dass starker Lärm aus dem Konzept bringt (Gespräche müssen unterbrochen werden, Konzentration ist geschwächt)
  • Wahrnehmung von Unterschwelligem (Stimmungen des Gegenüber, Atmosphäre in Gruppen)
  • Ausgeprägte Empathie
  • Gespräche basieren selten auf Smalltalk
  • Hochsensible pflegen oft wenige Freundschaften, dafür sind diese umso tiefgründiger

1 Kommentar zu “Woher weiß ich, ob ich hochsensibel bin?

  1. Finde es sehr gut, dass all diese Attribute von beiden Seiten betrachtet werden – positiv wie negativ! Ich bin so ziemlich das Gegenteil von den oben genannten Attributen – also definitiv nicht hochsensibel:D Beneide aber durchaus einige Attribute.

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