DSC_0103Wow, ich beginne tatsächlich einen Blog und Du bist tatsächlich da und liest ihn. Was hab ich für ein Glück! Schon jetzt will ich Dir für Dein Interesse und Deine Zeit danken. Solltest Du Dich auf diese Seiten verlaufen haben, hoffe ich auf Deine Neugierde und Deinen Wissensdurst. Wissensdurst nach was? Auf diesem Blog soll es über das Phänomen der Hochsensibilität gehen und darum was es mit Dir und mir zu tun hat, egal ob Du hochsensibel bist oder nicht. Um das alles besser zu verstehen, gebe ich Einblick in meinen Alltag.

Denn dass ich hochsensibel sei könnte, bemerkte ich vor circa 4 Jahren. Ich war und bin ein leichtes Opfer von Stress, worauf ich oft mit körperlichen Beschwerden reagiere, meistens mit Magenschmerzen. Ich befand mich zu der Zeit im dritten Semester meines Studiums, das von Studenten allseits gefürchtet ist, da man an mehreren Projekten gleichzeitig arbeitet und das viel Überblick, einen Reichtum an Ideen und Zeitdruck fordert. Dass ich also an viele Dinge gleichzeitig denken musste, die ich als gleich wichtig abtat und zusätzlich gut sein wollte, brachte mich an meine körperlichen Grenzen. Ich suchte also einen Arzt auf, da ich natürlich die Symptome bekämpfen musste, die mich arbeitsunfähig machten –  ich kam noch nicht mal auf die Idee, nach der Wurzel zu suchen. Der Arzt verschrieb mir Tabletten*, die ich begann zu nehmen, um die Magenschmerzen zu bekämpfen, denn ich hatte schließlich Ziele zu erreichen.

In den nächsten Tagen bemerkte ich seltsame Dinge: Beim Gitarre spielen folgten meine Finger nicht mehr meinen Anweisungen und ich konnte die Saiten nicht mehr greifen. Im ganzen Körper machte sich ein seltsames Gefühl breit, aber wer käme schon auf den Trichter, dass das alles Anzeichen für massive Nebenwirkungen sein könnten? Eines Abends fuhr ich mit der Straßenbahn zu Freunden, um den Abend gemeinsam zu verbringen. Ich fühlte mich wie neben mir; es war wie wenn mein Kopf wie ein Luftballon mit Gas gefüllt langsam steigt. Kurz vor der Haustür meiner Freunde, entschied ich mich, wieder nach Hause zu fahren. Diese Entscheidung war eine der ersten, die ich bewusst aufgrund meiner körperliche Signale traf. Mein Bruder fuhr mich Gott sei Dank mit dem Auto nach Hause, denn anderweitig hätte ich es wahrscheinlich nicht geschafft. Zu Hause angekommen erlitt ich grässliche Magenkrämpfe. In Etappen holten sie mich heim und ich konnte nicht atmen, noch mich bewegen: Gekrümmt lag ich auf der Couch, saß dann auf dem Stuhl, ging den Flur auf und ab, während ich langsam Panik bekam. Mit der Panik einher kam die Atemnot. In der Verzweiflung rief ich den Notarzt, der beim Stichwort „Frau“ und „Magenkrämpfe“ natürlich erstmal ganz locker bleibt. Also wurde ich kurz abgecheckt, beruhigt und wieder alleine gelassen. Während dieser 10 Minuten, die ich mit den Sanitätern in der Küche saß, hatte ich ein immenses Gefühl für meinen Körper entwickelt, das mir eindeutig sagte „Milli, mit dir stimmt etwas nicht“. Alles was mir fehlte, waren die Worte, mein Gegenüber davon zu überzeugen. Kurz nachdem der Notarzt meine Wohnung wieder verließ, begann mein Rücken zu krampfen. Mir erschien die Situation nicht geheuer, ich fackelte nicht lange und rief den Notarzt erneut. Mir musste geholfen werden. Als der Notarzt zum zweiten Mal kam, stieg ich ohne weiteres sofort in den Wagen, denn ich war mir sicher, dass ich Hilfe brauche.

Die Verzweiflung, Hilfe zu benötigen, war so stark, dass kein Platz für Angst war.

Die verdutzten Notärzte fuhren mich nach meinen Schilderungen meines Zustandes erst in die Gynäkologie, es war mittlerweile Mitternacht. Dort wurde nach einiger Zeit festgestellt, dass ich dort fehl am Platz bin, denn mittlerweile plagten mich keinerlei Magenschmerzen mehr: Ausschließlich die Rückenkrämpfe wurden unerträglich. Auf einer Liege liegend berührten jeglich meine Fersen und meine Schultern die Matratze, der Rest hat sich wie ein Gummiband zusammengezogen. Dass Notärzte und Ärzte bei meinem Anblick ernste Gesichter zogen, verunsicherte mich mehr und mehr, aber die Verzweiflung, Hilfe zu benötigen, war so stark, dass kein Platz für Angst war. So fuhr mich der nächste Rettungswagen in die Neurologie, wo mich ein junger Arzt in aller Seelenruhe empfang. Er kam direkt auf mich zu und frage gezielt, welche Medikamente ich in der letzten Zeit nahm. Als ich ihm von MCP erzählte, sagte er nur „Da war tatsächlich letzte Woche erst ein junges Mädchen mit Nebenwirkungen da. Keine Angst, ich gebe Ihnen was und in 15 Minuten ist das vorbei.“ Er gab mir ein Gegenmittel und ich werde nie vergessen, wie der Krampf binnen weniger Minuten entfleuchte und ich endlich wieder in mich zusammensacken konnte. Frei von Anspannung, frei von Zwang. Mittlerweile war es 2 Uhr nachts und die 6 Stundenlange Folter nahm ein Ende.

Diese Nacht war furchtbar. Angsteinflößend. Größer als ich. Aber rückwirkend war sie türöffnend, erklärend und aufzeigend. Ich habe so viel über mich und die Kommunikation meines Körpers zu mir gelernt, wie ich es wohl nie getan hätte, wenn ich nicht in die Knie gezwängt geworden wäre.

Im Nachhinein betrachte ich dieses Erlebnis also als einen wahren Segen, da mein Charakter und meine Aufmerksamkeit bezüglich mir selbst in dieser Nacht geformt wurde, wie in meinem ganzen Leben nicht. Ich war schwach, ich war stark, ich war unsicher, ich war zielorientiert. Ich musste Hilfe holen, Entscheidungen treffen, Entscheidungen treffen lassen. Und alles war und bin ich.

Mit diesem Blog möchte ich ein Augenöffner sein.

Hochsensible Personen sind schnell gestresst. Das liegt an den vielen Reizen, die sie ungefiltert treffen, oft einhergehend mit Drang nach Perfektion, Gerechtigkeitssinn, Harmoniebedürfnis, gut sein wollen. Gerät ein Punkt aus dem Gleichgewicht, kann da schon mal die ganze Person ins Wanken geraten. Wie sich das zeigt? Auf einmal bringt eine hochsensible Person keine guten Leistungen mehr, ist unkonzentriert, was das Unheil natürlich füttert. Wenn diese Person nun nicht von ihrer Hochsensibilität weiß, kommt ein Rückzug erstmal nicht in Frage, denn das wird in unserer Gesellschaft leider als Schwäche gedeutet. Also wird weiter gepowert, vielleicht wie in meinem Fall zu Medikamenten gegriffen und dem viel zu sensiblen Körper damit mehr Schaden angetan, als zunächst angenommen.

Nach diesem Erlebnis dauerte es circa ein Jahr, bis ich mich komplett von dieser Misere erholte. Ein Jahr, bis mein Magen nicht mehr gereizt war und sich mein Körper komplett von dem Gefühl des Krampfes gelöst hat.

Mit diesem Blog möchte ich ein Augenöffner sein. Ich möchte Menschen, die sich ebenfalls in die Hochsensibiliät einordnen, helfen, auf eine sanftere Art und Weise, von ihrer Besonderheit zu erfahren. Außerdem sollen Weichen gestellt, Hilfestellungen aufgezeigt werden, um Hochsensibilität im Alltag integrieren zu können.

*Ich empfehle vor der Einname von „MCP“ mit dem Arzt die Nebenwirkungen, die wie bei jedem anderen Medikament auftreten können zu besprechen. Außerdem ist es immer von Vorteil den Arzt darauf aufmerksam zu machen, sollte bei Dir eine hohe Sensibilität vorhanden sein.

Photo taken by Anna Karen Skúladóttir

1 Kommentar zu “Meine Geschichte

  1. Ganz großes Dankeschön für das Teilen der doch sehr privaten Geschichte! Der Satz „Also wird weiter gepowert, vielleicht wie in meinem Fall zu Medikamenten gegriffen und dem viel zu sensiblen Körper damit mehr Schaden angetan, als zunächst angenommen.“ trifft leider auf viel zu viele junge Menschen zu. Freue mich auf mehr 🙂

    Gefällt 1 Person

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: